Telemedizin-Projekt

Weniger ist mehr

Das telemedizinische Modellprojekt „Digitale Notfallversorgung für Pflegeheimbewohner“ wurde vom Team der Notfallmedizin am AKH Wien 2022 entworfen und 2023 gemeinsam mit der Wiener Rettung, dem Arbeiter-Samariter-Bund und dem Kuratorium Wiener Pensionistenheime umgesetzt. Seither erfreut es Beteiligte und Betroffene gleichermaßen. Die einen ersparen sich Geld, die anderen unnötige Fahrten.

David Hell
Ein Mann sitzt in einem Sessel vor einem Schreibtisch, auf dem ein Laptop und zwei zusätzliche Bildschirme stehen.
Wolfgang Schreiber koordiniert von diesem Schreibtisch aus die telemedizinischen Fälle.
Foto: David Hell
„Der Hauptaspekt für mich ist, dass man den alten Menschen den Pendelverkehr zwischen Pflegeheim und Krankenhaus erspart.“

Auf Ebene 6D, in der Leitstelle der Notfallmedizin am AKH Wien, sieht man gleich, auf welcher Abteilung man ist: Allerlei notfallmedizinische Geräte und Taschen in signalkräftiger roter und neongelber Farbe sind hier entlang der Gänge und in den offenen Räumen platziert. Hektisches Treiben am Gang. Eilig werden Krankenbetten von einem Behandlungsraum zum nächsten gebracht. Von hier aus wird wichtige Notfallmedizin einer Metropole erledigt.

Hier wird aber nicht nur reagiert, sondern auch vorausschauend agiert. Wenn es etwa um die Versorgung älterer Menschen in institutionalisierter Pflege und Betreuung geht. Im Jahr 2022 saßen Wilhelm Behringer (Leiter der Notfallmedizin an der Medizinischen Universität Wien) und Wolfgang Schreiber (Notfallmediziner an der Medizinischen Universität Wien) beisammen und versuchten, ein dringliches Problem zu lösen. „Wir hatten den Eindruck, dass es im Bereich der Betreuung von zu pflegenden betreuten Menschen in Wien Verbesserungspotenzial gibt. Denn etwa 50 bis 70 Prozent der Patientinnen und Patienten, die unsere Abteilung aus institutionalisierter Pflege ansteuern, werden nach ambulanter Betreuung wieder in die Pflegeinstitution zurückgeschickt“, sagt Wolfgang Schreiber.

Eine Person sitzt vor einem Laptop und am Bildschirm ist ein Arzt zu sehen - eine telemedizinische Konsultationsszene.
Telemedizinische Konsultationen statt unnötige Rettungseinsätze. / Foto: iStock/Dragos Condrea

Insofern ist die Beantwortung gesundheitlicher Fragestellungen vor Ort besser zu lösen als in der High-Tech-Medizin eines Krankenhauses. Behandelt werden die Personen dennoch im Krankenhaus. Aber so rasch die Patientinnen und Patienten bei der Türe wieder draußen sind, so lange bleiben die Kosten, die ihre Behandlung verursacht, im System. Gerade für ältere Menschen sind die Fahrten von der Pflege- bzw. Betreuungsinstitution ins Spital und wieder retour eine enorme Belastung. Das sollte nun alles anders werden. Die Menschen sollen dort behandelt werden, wo sie wohnen – also in den Pflege- und Betreuungsinstitutionen. „Der Hauptaspekt für mich ist, dass man den alten Menschen den Pendelverkehr zwischen Pflegeheim und Krankenhaus erspart“, sagt Wolfgang Schreiber. Das war die Geburtsstunde des Wiener Modellprojekts „Digitale Notfallversorgung für Pflegeheimbewohner“ – zunächst noch auf die Häuser des Kuratoriums Wiener Pensionistenheime beschränkt, mittlerweile auf alle Heime in Wien ausgeweitet. 

Regelbetrieb ab 2027
Eine Machbarkeitsstudie zeigte gleich vorweg das Potenzial dieses telemedizinischen Projekts: bis zu zwei Drittel der Krankentransporte aus Pflegeheimen konnten vermieden werden. Circa 300 Euro pro nicht-durchgeführtem Transport ins Spital können so eingespart werden, bereits eingerechnet sind da schon die Kosten für die telenotfallmedizinische Betreuung. Um die Richtigkeit des Einsparungspotenzials zu checken, erhebt jeden Monat eine namhafte internationale Prüfungs- und Beratungsgesellschaft die entscheidenden Daten. Und die Prüfprofis murrten fast gar nicht. Was sonst selten der Fall ist. Kein Wunder, dass dieses Projekt von Jahr zu Jahr von der Zielsteuerungskommission Wien verlängert wurde – so wie gerade Ende Juni. Sprich: Es läuft noch bis 2027, und soll dann in den Regelbetrieb übergeführt werden.

Wie funktioniert das Projekt aber in den Pflegeheimen: Prinzipiell gilt in den Pflegeheimen das Hausarzt- beziehungsweise Stationsarztprinzip. Das ist von Träger zu Träger sehr unterschiedlich organisiert und vielfach eröffnen sich Probleme zumeist dann, wenn die Ärztin oder der Arzt gerade nicht im Haus sind. Dann schlagen die gesundheitlichen Probleme bei der Pflegerin oder dem Pfleger auf, die wiederum die Wiener Berufsrettung (MA 70) unter 144 kontaktieren. Von der Rettungsleitstelle werden die Einsätze an ein speziell ausgerüstetes Einsatzfahrzeug des Arbeiter-Samariter-Bunds disponiert.

Ein Mann liegt in einem Rettungswagen und wird gerade von zwei Sanitäter*innen versorgt.
Viele Fahrten von den Pflegeinstitutionen in die Spitäler wären überflüssig. Das Modellprojekt der Med Uni Wien hat eine Lösung dafür ausgearbeitet: mit telemedizinischer Kooperation. / Foto: iStock/blackCAT

„Onkel Doktor“ aus dem kleinen Kästchen
Je nach Bedarf wird dann das geeignete Rettungsmittel geschickt. In den telemedizinischen Fällen aber kommt – parallel zu einer Fachärztin oder einem Facharzt der Universitätsklink für Notfallmedizin der MedUni Wien – ein eigens ausgestatteter Einsatzwagen des Arbeiter-Samariter-Bunds (Teleeinsatzfahrzeug – TEF). Mit an Bord ist dort sogar ein Minilabor, mit dem sich Blutgasanalysen durchführen lassen. „Der macht die klassischen Blutgasparameter, aber auch die Blutsalze, die Nierenfunktion, den Zucker, das Hämoglobin und das sogenannte Laktat. Zusätzlich haben wir noch ein Gerät, mit dem wir einen Infektionsparameter – das C-reaktive Protein – messen können“, so Wolfgang Schreiber.

Rettungsleitstelle, TEF sowie Ärztinnen und Ärzte stehen stets miteinander in Kontakt – per Handy, per Einsatzleitsystem der MA 70 oder per datenschutzkonformer Videoschaltung. Die rasche Möglichkeit zur Auswertung von wichtigen Parametern bringt in Abstimmung mit den kurativen Anweisungen von Ärztinnen und Ärzten der MedUni Wien eine schnelle Behandlungsmöglichkeit, die punktgenau ist und Patientinnen und Patienten dort belässt, wo sie sind. Sollte der Fall nicht ganz klar sein oder möchte sich die behandelnde Ärztin beziehungsweise der behandelnde Arzt selbst ein Bild machen wollen, können sich die Ärztinnen und Ärzte auch per Video zu den Patientinnen und Patienten im Pflegeheim dazuschalten. 

Alle Aktivitäten des TEF und der Ärztinnen und Ärzte sind durch den Einsatzrechner der MA 70 für die Leitstelle verfolgbar – Schritt für Schritt. Die Dokumentationssoftware Medea stammt von der MA 70. Umständlich ist derzeit noch, dass die Fälle aus logistischen Gründen doppelt dokumentiert werden müssen. Hier wird an einer dringend notwendigen Vereinfachung bereits gearbeitet. Positiv sind jedenfalls die kleinen Teams: drei Sanitäterinnen und Sanitäter vom Arbeiter-Samariter-Bund sind dem Projekt zugeordnet. „Für meine Kolleginnen und Kollegen und mich ist es sehr angenehm, mit Sanitäterinnen und Sanitätern zusammenzuarbeiten, denen die Abläufe vertraut sind und die auch das notwendige Vokabular parat haben“, sagt Schreiber.

Im Einsatz ist das Projekt derzeit werktags von 7 bis 17 Uhr. Das soll ab Oktober auf das Wochenende ausgeweitet werden. Was inhaltlich in die telemedizinische Versorgung fließt, steht schon lange fest und ergibt sich aus der Art des Einsatzes: „Alles mit lebensbedrohlichem Charakter oder einem unfallchirurgischen Hintergrund ist a priori nicht unsere Angelegenheit und wird vom Regelrettungsdienst betreut. Zu unserer primären Agenda zählen ‚konservative‘ Fragestellungen, wie etwa hoher Blutdruck, Schmerzen, Fieber oder Hautausschläge“, sagt Wolfgang Schreiber. Damit auch mit erweiterten Dienstzeiten alles glatt läuft, ist ebenfalls geplant, ab 1. Jänner 2027 ein zweites Fahrzeug in den Dienst zu stellen. „Von der ärztlichen Agenda könnten wir sicherlich zwei bis drei Fahrzeuge gleichzeitig betreuen. So ähnlich wie in einer Zahnarztordination, wo der Zahnarzt von einer Koje zur anderen geht“, sagt Schreiber.

„Von der ärztlichen Agenda könnten wir sicherlich zwei bis drei Fahrzeuge gleichzeitig betreuen. So ähnlich wie in einer Zahnarztordination, wo der Zahnarzt von einer Koje zur anderen geht.“