„Wollten Ort schaffen, an dem sich Menschen nicht erklären müssen“
Das Wiener Primärversorgungszentrum Teampraxis im 6. hat sich auf HIV-Therapie, sexuelle Gesundheit, Transgendermedizin und Suchterkrankungen spezialisiert. Im Gespräch erzählen die Allgemeinmediziner und Miteigentümer Miloš Vasiljević und Daniel Uy, warum solche Angebote dringend notwendig sind, und warum gute Medizin weit mehr bedeutet als Diagnosen und Rezepte.
Stefan Eckerieder-Donovan
Miloš Vasiljević und Daniel Uy (v.l.) sind Miteigentümer der Teampraxis im 6..
Theresia Kaufmann
„Diese Menschen müssen nicht mehr ausschließlich in spezialisierten Spitalsambulanzen behandelt werden.“
Miloš Vasiljević
Ärzt*in für Wien:Der Schwerpunkt Ihrer PVE liegt auf HIV-Therapie, HIV-Prophylaxe PrEP und PEP, sexueller Gesundheit, Transgendermedizin und Suchterkrankungen. Damit richten Sie sich stark an die LGBTQIA+-Community. Warum ist so ein spezialisiertes Angebot medizinisch wichtig?
Miloš Vasiljević: Das Ganze hat eigentlich schon vor rund zehn Jahren begonnen. Florian Breitenecker, unser Partner in der PVE, hatte damals die Idee zur Gründung, da es für diese Patientengruppen kaum niederschwellige Angebote gab. Die HIV-Therapien waren bereits so weit fortgeschritten, dass man erkannt hat: Diese Menschen müssen nicht mehr ausschließlich in spezialisierten Spitalsambulanzen behandelt werden. Florian Breitenecker war einer der Pioniere auf diesem Gebiet. Viele Patientinnen und Patienten mit HIV haben damals die Möglichkeit genutzt, aus den eher unpersönlichen Spitalsstrukturen in eine hausärztliche Umgebung zu wechseln. Seitdem ist das Angebot immer weiter gewachsen. Aus dem Fokus auf die HIV-Therapie entwickelte sich zudem der Schwerpunkt auf sexuell übertragbare Erkrankungen und Suchterkrankungen. Gerade das Thema Chemsex betrifft die LGBTQIA+-Community häufig. Deshalb bieten wir sowohl klassische Substitutionstherapien als auch spezialisierte Betreuung in diesem Bereich an. Vor sechs oder sieben Jahren wurde klar, dass auch Transgender-Personen dringend mehr Angebote brauchen. Viele mussten monatelang auf Termine bei Spezialistinnen und Spezialisten warten.
Daniel Uy: Es gibt außerdem große Überschneidungen zwischen den Bereichen. Viele Menschen, die substituiert werden, haben sich durch intravenösen Drogengebrauch mit HIV infiziert. Bei uns können sie sowohl die Substitution als auch die HIV-Behandlung an einem Ort erhalten.
Die „Teampraxis im 6.“ bietet unter anderem kostenlose Gespräche mit Konsiliarärztinnen und -ärzten im Bereich der Transgender-Behandlung. / Foto: Theresia Kaufmann
Ärzt*in für Wien: Wie hat sich das medizinische Angebot in diesen Bereichen in Österreich in den vergangenen Jahren entwickelt?
Vasiljević: Es gibt mittlerweile mehr Praxen mit ähnlichen Angeboten – zumindest in Wien. Aber insgesamt ist das Angebot noch immer viel kleiner als der Bedarf.
Uy: Besonders in der Betreuung von Transgender-Personen steckt die medizinische Versorgung noch in den Kinderschuhen, sowohl österreichweit als auch in Wien selbst. Gerade im kassenärztlichen Bereich gibt es nur sehr wenige Angebote. Etwas besser sieht es mittlerweile bei sexuell übertragbaren Erkrankungen aus.
Ärzt*in für Wien: Wie unterscheidet sich Ihre tägliche Arbeit von jener anderer Ordinationen oder PVE?
Vasiljević: Rund 60 Prozent unserer Patientinnen und Patienten gehören der LGBTQIA+-Community an. Für einige Bereiche die wir hier behandeln braucht man spezielle Ausbildungen und Fortbildungen, die im klassischen Curriculum oft nicht ausreichend vorkommen. Man muss lernen, bestimmte Erkrankungsbilder zu erkennen und sensibel damit umzugehen. Außerdem arbeiten wir sehr eng mit psychosozialen Berufsgruppen zusammen, vor allem durch enge Kooperation mit dem Verein an.doc.stelle. Besonders ist sicher die Transgender-Behandlung – von der Diagnostik bis zur Hormontherapie und dem langfristigen Monitoring. Wir haben außerdem einmal pro Woche spezialisierte Konsiliarärztinnen und -ärzte im Haus: Ulrike Kaufmann vom AKH und Mick Van Trotsenburg stehen unseren Patientinnen und Patienten kostenlos für Gespräche und komplexe Fälle zur Verfügung. Gleichzeitig machen wir natürlich das gesamte Spektrum der Allgemeinmedizin. Menschen mit HIV werden heute glücklicherweise alt. Das heißt, sie haben dieselben altersbedingten Erkrankungen wie alle anderen auch, wie etwa Diabetes, Bluthochdruck oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Wir sprechen also genauso über Vorsorge, Bewegung und gesunden Lebensstil. Der größte Unterschied ist wahrscheinlich die Kombination aus spezialisierten Angeboten und klassischer Hausarztmedizin. Für unsere Patientinnen und Patienten ist es angenehm, viele verschiedene Formen der Behandlung an einem Ort angeboten zu bekommen.
Uy: Diese Population ist leider oft stigmatisiert, auch im medizinischen Bereich. Deshalb ist es für sie wichtig, dass sie hierher kommen können, ohne sich erklären zu müssen.
Ärzt*in für Wien: Wie zeigt sich das konkret im Alltag?
Vasiljević: Auch Sprache spielt eine große Rolle. Anfangs haben wir bemerkt, dass das Aufrufen von Patientinnen und Patienten nicht immer einfach ist. Wenn wir nur Nachnamen verwendet haben, empfanden das manche ältere Menschen als unhöflich. Deshalb haben wir ein Nummernsystem eingeführt. Das ist zwar etwas unpersönlicher, schafft aber auch mehr Anonymität. Außerdem fragen wir beim Erstgespräch immer, wie jemand angesprochen werden möchte, welche Pronomen verwendet werden sollen und welcher Name gewünscht ist. Das wird in der Kartei vermerkt und wir versuchen uns konsequent daran zu halten.
Ärzt*in für Wien: Welche Rolle spielen psychosoziale Angebote in Ihrer Arbeit?
Vasiljević: Eine sehr große. Gemeinsam mit an.doc.stelle bieten wir Psychotherapie, Sozialarbeit, Rechtsberatung und Beratung zu Suchterkrankungen an – speziell auch im Bereich Chemsex. Außerdem gibt es sogenannte TIN-Beratung für Transgender-, Intersex- und Non-Binary-Personen.
Uy: Ein weiteres zentrales Angebot ist die psychotherapeutische Betreuung. Gemeinsam mit an.doc.stelle können wir Krisentermine innerhalb von ein bis zwei Wochen anbieten. Das ist in Österreich leider alles andere als selbstverständlich. Wir versuchen generell, unsere Angebote möglichst individuell anzupassen. Dazu gehört auch Social Prescribing. Wenn jemand beispielsweise unter Einsamkeit leidet oder Schwierigkeiten hat, passende soziale Angebote zu finden, versuchen wir gemeinsam Lösungen zu entwickeln. Gerade für Transgender-Personen können alltägliche Dinge, wie der Besuch eines Fitnessstudios, aufgrund von Stigmatisierung schwierig sein. Auch da versuchen wir zu unterstützen, das passende Angebot zu finden.
Ärzt*in für Wien: Was macht die Transgendermedizin aus medizinischer Sicht besonders?
Uy: Die Hormonbehandlung ist medizinisch eigentlich gar nicht so kompliziert, wie oft angenommen wird. Aber sobald es um Hormone geht, herrscht bei vielen Ärztinnen und Ärzten Unsicherheit. Wenn man sich intensiver damit beschäftigt, merkt man schnell, dass das gut machbar ist. Natürlich hilft es enorm, dass wir spezialisierte Expertinnen und Experten im Haus haben, mit denen wir komplizierte Fälle besprechen können. Aber grundsätzlich braucht es vor allem Offenheit und keine Berührungsängste.
Vasiljević: Gleichzeitig darf man nicht vergessen: Transgendermedizin ist nie nur eine biologische Behandlung. Es geht immer auch um psychosoziale Begleitung und Unterstützung. Außerdem ist die wissenschaftliche Evidenzlage in manchen Bereichen noch relativ dünn. Deshalb braucht es viel Feingefühl und eine enge Arzt-Patienten-Beziehung.
„Besonders in der Betreuung von Transgender-Personen steckt die medizinische Versorgung noch in den Kinderschuhen, sowohl österreichweit als auch in Wien selbst.“