Länder wie Dänemark und Finnland sind europäische Vorreiter bei tagesmedizinischen Behandlungen. Für einen reibungslosen Ablauf setzt man dort auf ein nahtloses Ineinandergreifen zwischen Spitalsbereich, niedergelassenem Bereich und mobilen Pflegediensten. Internist und Spitalsarzt Tobias Meischl vom Referat für Globale Kommunikation und Nostrifikant*innen Support im Gespräch über das Potenzial der Tagesmedizin.
Eva Kaiserseder
Ärzt*in für Wien: Tagesmedizin ist international ein stetig wachsender Bereich. Welche Länder fallen Ihnen ein, die das Thema besonders effizient angehen? Meischl: Dänemark und Finnland sind sicherlich Vorreiterländer in diesem Bereich. Was man dort auf jeden Fall lernen kann: Digitalisierung ist der zentrale Schlüssel für eine gut funktionierende Tagesmedizin. Das Ineinandergreifen der verschiedenen Bereiche, nämlich Spital, Hausärztinnen und -ärzte sowie Pflegedienste, die auch zu den Patientinnen und Patienten nach Hause kommen, ist essenziell. Es ist entscheidend, dass es hier einen optimalen Kommunikationsfluss gibt. Was die Digitalisierung angeht, ist speziell Finnland sehr gut aufgestellt. Dort gibt es ein System, auf das alle zugreifen können. Ein weiterer wesentlicher Punkt ist, dass man klare Selektionskriterien hat, für welche Patientinnen und Patienten Eingriffe mit ambulantem Aufenthalt überhaupt geeignet sind. Es ist klar, dass komplexe Herzoperationen oder Operationen am Gehirn unmöglich ambulant gemacht werden können, weil man unter Umständen entsprechende Intensivmedizin benötigt. Auch dieses Prozedere ist in Dänemark und Finnland sehr gut standardisiert.
Ärzt*in für Wien: Welche Faktoren sind in Österreich noch verbesserungsfähig, um die Tagesmedizin zu stärken? Meischl: Die historisch gewachsene Finanzierung aus unterschiedlichen Quellen bei den Krankenhäusern und in der Niederlassung ist hierzulande ein großes Thema. Das führt dazu, dass man versucht, Kosten aus dem eigenen Bereich fernzuhalten und sie in andere Bereiche zu transferieren. Teilweise gibt es auch Fehlanreize bei der Vergütung. Ein Beispiel: In Österreich ist es finanziell von Vorteil, wenn man viele Betten hat, egal welche Leistungen man damit erbringt. Deutschland versucht ja ebenfalls die Tagesmedizin voranzutreiben mit einem ähnlichen System wie in Österreich, Stichwort Bettenzentriertheit. Dort wurden sogenannte Hybrid DRGs (Hybrid Diagnosis Related Groups, Anm.) eingeführt. Gewisse Leistungen, die bisher nur stationär abgerechnet werden konnten, kann man nun auch ambulant abrechnen. Diese Möglichkeit sollte in Österreich auch ausgebaut werden.
Ärzt*in für Wien: Zum Thema Nachsorge: Wie passiert diese in Skandinavien, um beim Best-Practice-Beispiel zu bleiben, wenn Menschen am selben Tag nach einem Eingriff nach Hause gehen? Meischl: Zum Beispiel wird Rehabilitation ambulant angeboten oder die Dienstleister kommen nach Hause zu den Patientinnen und Patienten. Bei Wundkontrollen etwa gibt es spezialisierte Pflegekräfte, die beides machen und anbieten. Je nach städtischem oder eher ländlichem Setting werden unterschiedliche Versorgungsformen angeboten. Vieles wird auch über Telemedizin abgedeckt. Die Versorgung ist also nicht reduzierter, im Gegenteil, sondern einfach moderner.
„Es ist entscheidend, dass es einen optimalen Kommunikationsfluss gibt“. Foto: Julie Brass
Ärzt*in für Wien: Welche großen Hürden gibt es noch, um Tagesmedizin effizient umzusetzen? Und wo liegen die größten Vorteile, vielleicht auch Nachteile? Meischl: Der Vorteil ist, dass die Zufriedenheit der Patientinnen und Patienten steigt, wenn es gut umgesetzt ist, teilweise zeigen sich auch bessere Outcomes. Es muss auf jeden Fall ein vorab klug durchdachtes Gesamtkonzept sein. Der Worst Case wäre, ein Spital aus Kostengründen zuzusperren oder Stationen stillzulegen und erst dann zu überlegen, was eine Alternative sein könnte. Das wird nicht funktionieren. Und es muss klar sein, dass gewisse Eingriffe nicht ambulant möglich sind, egal wohin sich das Thema Tagesmedizin entwickeln wird. Komplexe oder risikoreiche Eingriffe sind dafür nicht geeignet. Man muss also weiterhin die Infrastruktur für stationäre Behandlungen, teils sogar mit intensivmedizinischem Setting, haben. Wichtig ist zu betonen: Tagesmedizin bedeutet nicht weniger, sondern modernere Medizin. Man orientiert sich daran, welche Behandlungsqualität am besten ist und wie man die Aufenthaltsdauer im Spital reduzieren kann. Menschen wollen sich ja nicht lange im Spital aufhalten. Für das Spitalspersonal bedeutet das außerdem, mehr Zeit zu haben, um direkt an der Patientin, am Patienten zu arbeiten. Man muss das Thema auch gut vermitteln. Die medizinische und nachsorgebedingte Einbettung ist weiterhin zuverlässig gegeben, aber passiert eben nicht mehr zwingend im Spital.
„Es ist klar, dass komplexe Herzoperationen oder Operationen am Gehirn unmöglich ambulant gemacht werden können, weil man unter Umständen entsprechende Intensivmedizin benötigt.“