Gesundheitssystem am Prüfstand

Gesundheitspolitisches Forum: Versorgung sichern, Strukturen verbessern

Beim „Gesundheitspolitischen Forum“ der Karl Landsteiner Gesellschaft diskutierte ein hochkarätig besetztes Podium am Dienstag, 21. April, notwendige Reformen im Gesundheitssystem und die Frage, wie eine langfristig stabile Versorgung sichergestellt werden kann. Kammerpräsident Johannes Steinhart betonte die zentrale Rolle eines solidarisch finanzierten Systems sowie den dringenden Bedarf an strukturellen Verbesserungen, von der Besetzung von Kassenstellen über den Abbau von Bürokratie bis hin zu fairen Rahmenbedingungen für Ärztinnen und Ärzten.

Stefan Eckerieder-Donovan
drei Frauen und zwei Männer am Podium
Moderatorin Cornelia Ertl, Gesundheitsstaatsekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig, Gesundheitslandesrätin Cornelia Hagele, ÖGK-Verwaltungsratsvorsitzender Peter McDonald, Kammerpräsident Johannes Steinhart (v. l.).
Foto: Karl-Landsteiner Gesellschaft/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger

Gemeinsam mit Ulrike Königsberger-Ludwig, Staatssekretärin für Gesundheit im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz, Peter McDonald, Vorsitzender des Verwaltungsrates der Österreichischen Gesundheitskasse, sowie Cornelia Hagele, Landesrätin für Gesundheit, Pflege, Bildung, Wissenschaft und Forschung in Tirol, wurde unter dem Titel „Health Profile Austria – Wo steht Österreich wirklich?“ der Zustand des österreichischen Gesundheitssystems analysiert und notwendige Reformen diskutiert. Kammerpräsident Johannes Steinhart stellte klar, dass ein solidarisch finanziertes Gesundheitssystem das beste Modell sei, um eine faire Versorgung für alle Bürgerinnen und Bürger zu garantieren. Dieses gelte es abzusichern und weiterzuentwickeln: „Ich bin ein überzeugter Anhänger der solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems. Es bietet allen Menschen in Österreich Zugang zu medizinischer Versorgung – unabhängig von Einkommen, Alter oder Herkunft. Dieses solidarische System zu sichern und weiterzuentwickeln, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“

Mann mit Mikrofon
Kammerpräsident Johannes Steinhart betonte die zentrale Rolle eines solidarisch finanzierten Systems sowie den dringenden Bedarf an strukturellen Verbesserungen. Foto: Karl-Landsteiner Gesellschaft/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger

Die Politik ist es laut Steinhart den Bürgerinnen und Bürgern schuldig, für die Steuerung und Finanzierung des Gesundheitssystems zukunftsfähige Lösungen zu finden, „damit sich die Akteure darauf konzentrieren können, erstklassige medizinische Leistungen zu erbringen. Und für die Patientinnen und Patienten klar ist, wo sie medizinische Beratung, Untersuchungen oder Behandlungen bekommen.“ Es gelte nun, an konkreten Lösungen für strukturelle Probleme zu arbeiten: von unbesetzten Kassenstellen über überbordende Bürokratie bis hin zu nicht kostendeckenden Kassentarifen. „Für die Versicherten ist vor allem relevant, ob sie wohnortnah mit ausreichend Kassenärztinnen und -ärzten versorgt werden. Das ist derzeit in vielen Regionen nicht der Fall“, sagte der Kammerpräsident. Er verwies darauf, dass es für die Entwicklung und Umsetzung praxisnaher und lebbarer Reformen das Wissen und den Erfahrungsschatz der Ärzteschaft brauche. „Wichtig ist für uns als Ärztevertretung auch, wie und in welchem Rahmen Reformen im Gesundheitssystem besprochen und verhandelt werden: Wir wollen uns mit unserer Expertise als gleichberechtigte Partner einbringen – im Rahmen der Reformpartnerschaft ebenso wie in den Zielsteuerungskommissionen auf Bundes- und Landesebene.“ Unumgänglich ist laut Steinhart, dass Gesundheitsprävention und -kompetenz hinsichtlich der steigenden demografischen Entwicklung und der sich daraus ergebenden Herausforderungen eine wesentliche Rolle spielen muss: „Ein zentrales gesundheitspolitisches Ziel muss daher sein, zum einen die gesunden Lebensjahre durch Prävention und Bewusstseinsbildung zu verlängern – und zum anderen Patientinnen und Patienten das bestmögliche Management chronischer Erkrankungen anzubieten: von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Diabetes bis Krebs.“

Mann spricht vor Publikum
Michael Müller, Health Policy Analyst in der Health Division der OECD, zeichnete in seiner Analyse ein differenziertes Bild der österreichischen Gesundheitsversorgung. Er hob die hohe Versorgungsqualität hervor, verwies aber auch auf Schwächen bei Prävention, Spitalslastigkeit und Risikofaktoren. Foto: Karl-Landsteiner Gesellschaft/APA-Fotoservice/Martin Hörmandinger

Im Rahmen der Veranstaltungen gaben Michael Müller, Health Policy Analyst in der Health Division der OECD, und Gesundheit-Österreich-Geschäftsführer Herwig Ostermann eine Bestandsaufnahme des österreichischen Gesundheitssystems. Müller zeichnete in seiner Keynote ein differenziertes Bild: Österreich liegt mit 82,3 Jahren Lebenserwartung über dem EU-Schnitt und hat hohe Qualität in der Gesundheitsversorgung, investiert aber auch viel (11,2 % BIP, 4.900 €/Kopf). Schwächen bestehen bei Prävention, Spitalslastigkeit und Risikofaktoren. Überdurchschnittlich hoch sind Tabakkonsum, Alkoholkonsum sowie der Anteil an Übergewichtigen – und zwar sowohl bei Erwachsenen als auch bei Jugendlichen. Rund ein Viertel der jährlichen Todesfälle sind mit diesen verhaltensbedingten Risiken verbunden“, so der Health Policy Analyst Müller. Herwig Ostermann betonte, OECD-Daten müssten differenziert gelesen werden hinsichtlich der Vergleichbarkeit, Veränderungen über den Zeitverlauf und der Datenqualität unterschiedlicher Länder. Sein Fazit fiel aber ähnlich aus: Österreich habe hohe Leistungen und Ressourcen, aber strukturelle Probleme wie Spitalslastigkeit, Effizienzdefizite und steigende private Zuzahlungen. Bedarf besteht laut Ostermann bei Prävention, Primärversorgung und Koordination.

Dass die in den Vorträgen dargestellten Aufgaben keine Indikation für Einzelgänge sein sollen, strich die Staatssekretärin im Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz Ulrike Königsberger-Ludwig hervor, denn „unser gemeinsames Ziel ist es, das Gesundheitssystem konsequent im Sinne der Patientinnen und Patienten weiterzuentwickeln“. Sie verwies auf die Notwendigkeit der Politik, Entscheidungen zu treffen die unabhängig von Legislaturperioden sind: „Politik darf nicht nur bis zur nächsten Wahl denken. Wir tragen die Verantwortung, unser Solidarsystem langfristig zu sichern.“

Die Wichtigkeit eines stärkeren Fokus auf Prävention betonte auch Cornelia Hagele: „Gesundheitsförderung beginnt im Kindesalter: Bewegung und gesunde Ernährung gehören in Kindergärten und Schulen – sie sind die Basis für Konzentration, Leistungsfähigkeit und ein gutes Miteinander. Wir als Bund und Länder müssen diese Programme unterstützen.“

Peter McDonald, plädierte für ein Umdenken bei der Eigenverantwortung: „Wer aktiv in seine Gesundheit investiert, soll dafür eine Anerkennung erhalten. Nach dem Leitsatz: nicht nur Betroffener, sondern Beteiligter.“ Wichtig war McDonald auch, „dass wir uns nicht alles schlecht reden. Menschen, die in Österreich leben und medizinische Unterstützung benötigen, haben dazu auch Zugang.“

„Ich bin ein überzeugter Anhänger der solidarischen Finanzierung des Gesundheitssystems. Es bietet allen Menschen in Österreich Zugang zu medizinischer Versorgung – unabhängig von Einkommen, Alter oder Herkunft. Dieses solidarische System zu sichern und weiterzuentwickeln, ist eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“
Johannes Steinhart
„Wichtig ist für uns als Ärztevertretung auch, wie und in welchem Rahmen Reformen im Gesundheitssystem besprochen und verhandelt werden: Wir wollen uns mit unserer Expertise als gleichberechtigte Partner einbringen – im Rahmen der Reformpartnerschaft ebenso wie in den Zielsteuerungskommissionen auf Bundes- und Landesebene.“
Johannes Steinhart