Ärzt*in für Wien: Gratulation zur neuen Aufgabe als Sektionsobfrau in der Sektion der zur selbständigen Berufsausübung berechtigen Ärzte. Wie wird man Sektionsobfrau und wie lange währt dieses Mandat?
Elisabeth Pelanek-Völk: Vielen Dank, ich freue mich wirklich sehr über das Vertrauen und die Herausforderungen, die meine neue Funktion mit sich bringt. Prinzipiell ist es so, dass sich nach Kammerwahlen die einzelnen Kurien und Sektionen konstituieren und aus ihrer Mitte Obleute wählen. Die Funktionsperiode orientiert sich an der Legislaturperiode der Kammer und beträgt in der Regel fünf Jahre. In meinem Fall war es jedoch so, dass im Rahmen der letzten Sektionssitzung am 30. April 2026 eine Neuwahl stattfand und mir das Vertrauen zugesprochen wurde.
Ärzt*in für Wien: Was ist die Aufgabe in dieser Funktion?
Pelanek-Völk: In meiner Funktion vertrete ich die Interessen aller Wiener Spitalsärztinnen und Spitalsärzte. Inhaltlich beschäftigen mich natürlich in erster Linie die großen Herausforderungen im Wiener Gesundheitssystem: Personalmangel, zunehmender Arbeitsdruck, Ausbildungsqualität und die Frage, wie wir unsere Spitäler zukunftsfit machen. Genau deshalb halte ich auch das Wiener Spitalskonzept 2040 für so wichtig. Da geht es nicht nur um Gebäude oder Bettenzahlen, sondern darum, wie moderne Medizin künftig funktionieren soll – mit besserer Patientensteuerung, weniger Bürokratie, mehr Tagesmedizin und vor allem mehr Zeit für die eigentliche ärztliche Arbeit. Viele Kolleginnen und Kollegen wünschen sich einfach wieder mehr Zeit für Medizin und weniger für Verwaltung.
Ärzt*in für Wien: Warum gibt es unterschiedliche Kurien und Sektionen– für angestellte und niedergelassene Ärzte – wie funktioniert das System?
Pelanek-Völk: Die Ärztekammer ist so aufgebaut, dass unterschiedliche Gruppen innerhalb der Ärzteschaft eigene Vertretungen haben – weil natürlich jemand, der im Spital arbeitet, andere Herausforderungen und Interessen hat als jemand mit eigener Ordination. Die Aufgabe einer Sektion ist es, genau diese Anliegen aufzugreifen und zu vertreten. Das betrifft ganz konkrete Themen wie eben Arbeitsbedingungen, Ausbildung, Dienstzeiten oder gesetzliche Rahmenbedingungen, aber auch die Frage, wie sich unser Gesundheitssystem insgesamt weiterentwickeln soll. Gerade in Wien ist das besonders wichtig, weil der Druck auf das System spürbar steigt. Die Menschen werden älter, der Behandlungsbedarf nimmt zu und gleichzeitig fehlen an vielen Stellen personelle und vor allem finanzielle Ressourcen. Deshalb reicht es nicht mehr, nur Probleme zu benennen – wir müssen proaktiv an Lösungen arbeiten. Und ich finde, genau das sollte auch die Aufgabe einer modernen Standesvertretung sein. Große Herausforderungen lassen sich nur gemeinsam lösen.
Ärzt*in für Wien: In Ihrer Sektion, der größten in der Kammer, sind mit den Spitalsärztinnen und Spitalsärzten sehr unterschiedliche Gruppen vertreten. Sprich: vom Mittelbau bis Primarius und ärztlichen Direktorin sind alle in Ihrer Obhut. Wie bekommt man die unter einen Hut?
Pelanek-Völk: Natürlich gibt es innerhalb dieser Sektion eine gewisse Heterogenität an Kolleginnen und Kollegen mit unterschiedlichen Interessen und Prioritäten – das ist ganz normal. Aber letztlich verbindet uns alle das gleiche Ziel: qualitätsorientierte Medizin unter verlässlichen Rahmenbedingungen. Wenn man mit Spitalsärztinnen und Spitalsärzten spricht, merkt man schnell, dass die grundlegenden Sorgen oft dieselben sind: zu wenig Zeit für Patientinnen und Patienten, zu viel Bürokratie, Personalmangel und immer schwierigere Arbeitsbedingungen aufgrund mangelnder Infrastruktur. Ich bin davon überzeugt, dass man diese unterschiedlichen Gruppen nur zusammenbringen kann, indem man zuhört und versucht, Lösungen gemeinsam zu entwickeln. Es ist wichtig, sachlich zu bleiben und nicht ständig Gegensätze aufzubauen. Letztendlich arbeiten wir alle im selben System.
Ärzt*in für Wien: Was sind die großen Herausforderungen in den nächsten Jahren?
Pelanek-Völk: Die großen Themen der nächsten Jahre liegen für mich klar auf der Hand: Wie schaffen wir es, den Arztberuf im Spital wieder attraktiv zu machen? Wie halten wir junge Kolleginnen und Kollegen im System? Wie entlasten wir die Ambulanzen? Und wie können wir Digitalisierung sinnvoll nutzen, ohne dass sie zusätzlichen Aufwand verursacht? Das Wiener Spitalskonzept 2040 liefert dafür viele wichtige Ansätze. Gleichzeitig müssen wir aber aufpassen, dass Reformen nicht nur auf dem Papier gut aussehen, sondern auch im Alltag funktionieren.
Ärzt*in für Wien: Wie steht es um Aktivitäten zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Frauen im Arbeitsalltag?
Pelanek-Völk: Wichtig ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Medizin ist längst viel weiblicher geworden – aber unsere Strukturen sind oft noch nicht dort angekommen. Viele Kolleginnen aber auch Kollegen erleben nach wie vor, dass Teilzeit oder Karenz Karrierewege erschweren. Und gleichzeitig fehlen weibliche Vorbilder in Führungspositionen. In meinen Augen sind jedoch sogenannte Role Models enorm wichtig – gerade für junge Kolleginnen. Gleichstellung und Respekt sind keine Randthemen, sondern entscheidend dafür, ob wir junge Kolleginnen langfristig im System halten können. Schließlich ist bereits die Hälfte der Ärzteschaft weiblich. Gerade als Frau in der Medizin ist es mir wichtig zu zeigen, dass Führungsverantwortung und Familie bzw. Familienwunsch kein Widerspruch sein dürfen. Und flexiblere Arbeitszeitmodelle, ausreichende Kinderbetreuung und strukturierte Karrierewege sind keine „Extras“, sondern eine Voraussetzung dafür, dass unser System langfristig funktioniert. Gleichzeitig müssen wir aber auch wieder mehr darüber sprechen, wie wichtig Wertschätzung in unserem Beruf ist – nicht nur in Worten, sondern auch ganz konkret im Arbeitsalltag. Denn nur so bleibt der Arztberuf langfristig attraktiv. Themen wie die Reduktion von Überstunden auf eine echte 40-Stunden-Woche ohne finanzielle Verluste und eine moderne, menschliche Personalpolitik sind ganz oben auf der Agenda.
Ärzt*in für Wien: Welchen Stellenwert hat die Tätigkeit als Funktionär bzw. Funktionärin in der Kammer und warum ist es wichtig, dass man sich als Ärztin bzw. Arzt engagiert?
Pelanek-Völk: Wenn man möchte, dass sich Dinge verändern, muss man bereit sein, sich einzubringen. Gesundheitspolitische Entscheidungen betreffen unseren Alltag direkt – und damit letztlich auch die Versorgung der Patientinnen und Patienten. Deshalb ist es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte ihre Erfahrung aktiv einbringen. Niemand kennt die Realität im Spital besser als die Menschen, die jeden Tag dort arbeiten. Für mich bedeutet die Funktionärsarbeit vor allem Verantwortung – zuzuhören, unterschiedliche Perspektiven ernst zu nehmen und gemeinsam Lösungen zu finden. Mir ist dabei ein konstruktiver Zugang wichtig. Dauernder Konflikt bringt das System nicht weiter. Wir brauchen Zusammenarbeit und einen ehrlichen Dialog – innerhalb der Ärzteschaft, aber auch mit Politik und Verwaltung. Auch müssen Frauen in standespolitischen Funktionen viel sichtbarer werden. Nicht, weil Frauen automatisch alles anders sehen und machen, sondern weil Vielfalt wichtig ist und unterschiedliche Perspektiven bessere Lösungsansätze und Entscheidungen ermöglichen.
Ärzt*in für Wien: Erzählen Sie noch ein wenig von sich: Wo sind Sie tätig und was hat Sie zur Kammerarbeit gebracht?
Pelanek-Völk: Ich arbeite im Spitalsbereich, als Oberärztin an der gefäßchirurgischen Abteilung der Klinik Ottakring, und erlebe den Alltag dort sehr unmittelbar – mit all seinen schönen, aber auch sehr schwierigen und herausfordernden Seiten. Was mich schon immer angetrieben hat, ist der Wunsch, Dinge aktiv zu verändern und nicht nur zuzusehen – sei es als Chirurgin oder nun eben auch in der Standespolitik.