Gleiche Chance für alle im Gesundheitssystem: Die Inklusive Medizin lebt diesen Anspruch mit einem bewusst niederschwelligen Zugang und besonderer Rücksicht auf die Bedürfnisse behinderter Menschen, seien es intellektuelle oder körperliche Beeinträchtigungen. Die Inklusive Ambulanz bei den Barmherzigen Brüdern in Wien zählt zu den Vorreitern auf diesem Gebiet.
Eva Kaiserseder
Bei der Inklusiven Medizin in Österreich kommt momentan einiges in Bewegung.
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„Wir sind froh über jeden, der den Weg zu uns findet. Unser Konzept ist bewusst maximal niederschwellig. Damit auch die Organisation und Planung gut funktioniert, ist es wichtig, zu verstehen, wie die Behindertenversorgung in Wien funktioniert."
Daniela Cravos
Seit 2011 gibt es im Krankenhaus der Barmherzigen Brüder in der Leopoldstadt eine Ambulanz, die sich der noch jungen Inklusiven Medizin widmet. Der Zulauf ist groß. Und, wie die medizinische Leiterin der Ambulanz, Daniela Cravos, schmunzelnd formuliert: „Bei uns steppt der Bär, es ist immer viel los.“ Im Gespräch mit dem Team, zu dem auch eine Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeperson (DGKS), eine Sekretärin und ein Klinischer Psychologe gehören, stellt sich schnell heraus: Trotz großen Andrangs ist die Ambulanz als Ort der Würde und ohne Berührungsängste kein bloßes Lippenbekenntnis. Sekretärin Sylvia Kladler betont: „Die Grenzen unserer Patientinnen und Patienten genauso wie bei allen anderen Menschen zu respektieren und deren Selbstbestimmung anzuerkennen, ist ein ganz wesentlicher Teil unseres Arbeitsalltags hier.“ Konkret heißt das zum Beispiel, Körperkontakt nicht ungefragt herzustellen. Oder sich im Dialog Zeit zu nehmen und gelassen zu bleiben, auch wenn das Gegenüber länger braucht, um sich verständlich zu machen.
Daniela Cravos ist die medizinische Leiterin der Inklusiven Ambulanz.
Eine ganze Stunde plant man hier für das Erstgespräch ein. Etwas, das im „normalen“ Ambulanzbetrieb utopisch wäre. Überhaupt das Thema Unaufgeregtheit. „Wenn wir in unserem Tun Sicherheit und Vertrauenswürdigkeit ausstrahlen, dann wird uns das ja auch gespiegelt von den Patientinnen und Patienten. Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir mit Ruhe und Besonnenheit agieren“, erzählt DGKP Antonia Kraus. Auch die Räume, in denen sich die Ambulanz befindet, sind lichtdurchflutet und freundlich gestaltet, das Setting soll einladend und beruhigend wirken. An ein Erlebnis, das kürzlich passiert ist und zeigt, dass das Konzept aufgeht, erinnert sich das Team gerne: Ein Patient hatte sich anfangs geweigert, mit hineinzukommen, er bekam die Erstvorstellung schließlich direkt vor dem Spitalseingang. Mittlerweile kommt ebendieser Patient gerne in die Räumlichkeiten der Ambulanz, lässt sich hier problemlos umziehen und untersuchen und hat schlicht Vertrauen gefasst.
Antonia Kraus ist die DGKP (Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegeperson) im Team.
Ohne Tabus
Ganz wesentlich für den Behandlungserfolg sind auch diejenigen Personen, die die Patientinnen und Patienten begleiten. Oft sind das Angehörige. „Wichtig ist, sich das Betreuungssetting genau anzuschauen und einen Überblick zu bekommen, wer zuständig ist und welche Situationen schwierig sind. Wir erleben dabei auch Angst, Verzweiflung und Überforderung und auch dafür möchten wir da sein. Behinderungen spielen sehr oft auch in die Familiendynamik mit hinein: Schlechtes Gewissen, wenn man das Gefühl hat, nicht allen Kindern gleich viel Aufmerksamkeit schenken zu können, kann etwa sehr belastend sein. Diese Themen dürfen und sollen gemeinsam und tabulos beleuchtet werden. Wir möchten einen Ort schaffen, wo einfach alles ausgesprochen werden darf“, fasst der Klinische Psychologe Lukas Nerat die Haltung des Teams zusammen.
Lukas Nerat ist Klinischer Psychologe im Team der Inklusiven Ambulanz.
Die Ambulanz selbst ist eine Terminambulanz und das mit gutem Grund: Auch kurze Wartezeiten sind den meisten Patientinnen und Patienten mit Beeinträchtigungen kaum zuzumuten. Auto- und Fremdaggressionen sind dann keine Seltenheit und solche Situationen sind für alle Beteiligten eine Herausforderung. Zweimal wöchentlich, dienstags und mittwochs zwischen 14 und 18 Uhr, öffnet die Ambulanz für Menschen mit erworbenen oder angeborenen Behinderungen ihre Pforten. Zudem ist auch keine Facharztüberweisung nötig. „Wir sind froh über jeden, der den Weg zu uns findet. Unser Konzept ist bewusst maximal niederschwellig. Damit auch die Organisation und Planung gut funktioniert, ist es wichtig, zu verstehen, wie die Behindertenversorgung in Wien funktioniert. Eine Vormittagsambulanz wäre zum Beispiel sinnbefreit, weil die betroffenen Menschen zu dieser Zeit meist in Werkstätten beschäftigt sind“, so Cravos.
Wenn jemand stationär aufgenommen wird, wird versucht, das möglichst stress- und barrierefrei zu gestalten. Viele der Stationen bei den Barmherzigen Brüdern haben das Thema Inklusive Medizin mittlerweile gut in den Krankenhausalltag implementiert, Unsicherheiten und Berührungsängste sind deutlich weniger geworden. Für Kraus als diejenige, die mit den Stationen organisatorisch eng zusammenarbeitet, ist diese Entwicklung ein großer Erfolg. „Wenn sich jemand öffnet, der zuerst noch zurückhaltend war, sei es in der Ambulanz oder auf den Stationen, so etwas ist einfach bereichernd. Wir haben Patientinnen und Patienten, wo man merkt, sie haben Vertrauen entwickelt und können unsere Aufmerksamkeit und dieses Setting hier, in dem sie nicht als marginalisierte Randgruppe, sondern einfach als Menschen wie du und ich behandelt werden, sogar genießen. Es macht große Freude, sich dafür einzusetzen.“
Silvia Kladler betreut das Sekretariat der Inklusiven Ambulanz.
Neugier als treibende Kraft
Wo es in Österreich derzeit noch große Lücken gibt, obwohl Bedarf und Nachfrage vorhanden sind, sind die Ausbildung und Weiterbildung rund um die Inklusive Medizin: An der Universität wird das Thema nicht gelehrt, auch später gibt es kaum Weiterbildungsangebote dazu. Allerdings gibt es seit diesem Jahr ein ÖÄK-Diplom für Inklusive Medizin. In Deutschland ist das Thema besser verankert, dort gibt es seit 2022 auch einen Lehrstuhl für Inklusive Medizin in Bielefeld. Das Interesse wäre in der hiesigen Kollegenschaft definitiv vorhanden, sagt Cravos, die in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien auch das Referat für Inklusive Medizin leitet und viel Feedback zu dem Thema bekommt. Was jemand mitbringen muss, der in diesem Bereich arbeiten möchte? Für Cravos ist eine Eigenschaft entscheidend, nämlich die Neugier: „Wie leben Menschen mit ihrer Behinderung, wie fühlen sie sich, welche Herausforderungen gibt es in ihrem Alltag? Wir haben hier zum Beispiel Menschen, die trotz einer Zerebralparese sehr zufrieden sind. Für diese Vielfalt muss man sich interessieren.“ Belastbarkeit, Ausgeglichenheit und Geduld sind ebenfalls Assets, die wichtig sind, und die Freude am Learning by Doing. „Es gibt viele Krankheitsbilder, mit denen ich selbst das erste Mal zu tun habe, auch wenn ich vielleicht schon davon gehört habe. Dann gilt es, sich einzulesen und nachzuforschen. Womit wir wieder bei der Neugier wären. Man lernt eigentlich dauernd dazu und bleibt nie stehen“, betont Cravos diese sehr schöne Seite ihres Arbeitsalltags.
„Ein ganz wichtiger Punkt ist, dass wir mit Ruhe und Besonnenheit agieren.“
Antonia Kraus
„Die Grenzen unserer Patientinnen und Patienten genauso wie bei allen anderen Menschen zu respektieren und deren Selbstbestimmung anzuerkennen, ist ein ganz wesentlicher Teil unseres Arbeitsalltags hier.“