Ärzt*in für Wien: Sie leiten in der Klinik Ottakring eine der größten Abteilungen mit dem Schwerpunkt Gefäßchirurgie im Osten Österreichs. Welche Art von Eingriffen wird bei Ihnen am häufigsten durchgeführt?
Assadian: Unser Schwerpunkt liegt seit Jahrzehnten – genauer gesagt seit der Etablierung unserer Abteilung im Jahr 1992 – auf der Behandlung der supraaortalen Gefäße: Halsschlagader, Vertebralarterie und Schlüsselbeinschlagader, wobei die Carotis eine besondere Rolle spielt. Darüber hinaus führen wir Eingriffe bei der thorakalen und abdominellen Aorta durch, und vieles mehr. Aufgrund unserer Spezialisierung werden Patientinnen und Patienten aus sämtlichen Teilen Österreichs bei uns behandelt. Je nach Voraussetzungen operieren wir katheterbasiert, also minimalinvasiv, offen chirurgisch oder in einer Kombination, also als Hybridverfahren. Eine der größten Herausforderungen dabei ist der Umstand, dass wir einen deutlich größeren Anteil an akuten, dringlichen Eingriffen haben – wo oft zwei, drei Folgeeingriffe erforderlich sind – als an geplanten Operationen. Ideal wäre ein Verhältnis von 30 Prozent akuten zu 70 Prozent planbaren Eingriffen. Bei den akuten Eingriffen liegen wir allerdings bei etwa 60 Prozent, wodurch das OP-Programm unter Spannung steht und mit weniger Planbarkeit auch eine strukturierte Ausbildung schwieriger wird.
Ärzt*in für Wien: Gibt es Gefäßerkrankungen, die in den letzten Jahren lebensstilbedingt zugenommen haben?
Assadian: Definitiv. Provokant formuliert würde ich sogar sagen: Essen ist das neue Rauchen. Wir sehen metabolische Probleme bei jüngeren Patientinnen und Patienten, die eigentlich nie oder kaum geraucht haben. Ein großes Thema ist Atherosklerose, eine Gefäßerkrankung, die meistens auf hohe Blutfette und ungesunde Ernährung zurückzuführen ist. Auch die periphere arterielle Verschlusskrankheit (pAVK), die eine Durchblutungsstörung der Beine verursacht, ist ein Problem, das häufiger auftritt als früher. Bei jungen Menschen sind wir heute viel öfter mit Gefäßerkrankungen konfrontiert, die Folgen von einem ungesunden Lebensstil, von Diabetes, von Bluthochdruck sind. Das heißt, auf der einen Seite haben wir eine Bevölkerung, die immer älter und dadurch betreuungsintensiver wird, auf der anderen Seite werden auch die jungen Menschen kränker – teilweise anders und unerwarteter als in der Vergangenheit. Gleichzeitig haben wir medizinisch keine zusätzlichen Ressourcen zur Verfügung, um mit dieser Entwicklung adäquat mithalten zu können.
Ärzt*in für Wien: Gefäßerkrankungen sind dennoch kein Thema, das in der öffentlichen Wahrnehmung eine große Rolle spielt…
Assadian: Das muss sich dringend ändern. In der westlichen Welt sind Gefäßerkrankungen die Todesursache Nummer eins: Herzinfarkt, Schlaganfall, dialyseassoziierte Probleme, periphere arterielle Verschlusskrankheit und so weiter. Nehmen wir beispielsweise ein Aortenaneurysma: Ein Aortenaneurysma ist die Folge von Prozessen im Körper, die mehr oder weniger unsichtbar im Hintergrund ablaufen. Die Ursachen von Gefäßerkrankungen sind immer die gleichen: Hypertonie, Hypercholesterinämie, Blutzucker, Rauchen, Übergewicht – ganz banale Dinge. Immer wieder kommt es vor, dass scheinbar gesunde Menschen in ihren Fünfzigern einen Herzinfarkt erleiden und es dann heißt: „Der war doch so gesund!“. Nein, war er nicht, er hatte eine Hypercholesterinämie, einen Blutdruck von 180 und irgendwann wurde ihm eine Stenose zum Verhängnis. Deshalb wäre es ganz wichtig, der Gefäßgesundheit viel mehr Bedeutung beizumessen, vor allem in der Prävention.
Ärzt*in für Wien: Wie sieht sinnvolle Prävention bei der Gefäßgesundheit aus?
Assadian: Das muss schon im Kindesalter anfangen – und auch das ist keine Raketenwissenschaft – mit ausreichend Bewegung und einer halbwegs gesunden Ernährung. Natürlich spielt die elterliche Erziehung mit einem gewissen Maß an Bildung und Gesundheitsbewusstsein eine zentrale Rolle, Kindergärten und Schulen können die Gesundheitserziehung nicht allein übernehmen. Aber auch die Rahmenbedingungen draußen sollten stimmen: Wenn in der Schule die Leberkässemmeln, Schokoriegel und das Cola verkauft werden, werden sich die Kinder höchst wahrscheinlich nicht für den Apfel oder das Vollkornbrot entscheiden.
Ärzt*in für Wien: Wie kann man vaskulären Ereignissen im Erwachsenenalter vorbeugen?
Assadian: Es gibt von der American Heart Association einen Risikorechner, der aufgrund von LDL-Cholesterinwert, Gesamtcholesterin, Body-Mass-Index, Alter und Geschlecht eine Risikoeinschätzung für kardiovaskuläre Erkrankungen vornimmt. Das ist zwar etwas kurz gefasst, aber wenn bei Patientinnen und Patienten mehrere Risikofaktoren für vaskuläre Ereignisse vorliegen, sollte man als Ärztin oder Arzt schon genauer hinschauen, indem man beispielsweise die Intima-Media-Dicke der Carotis ermittelt. Nehmen wir als Beispiel eine 50-jährige Frau mit einem Gesamtcholesterinwert von 200 und einem deutlich erhöhten Lp(a)-Wert von 100. Bei Intima-Media-Dicke von 0,5 Millimetern gibt es keinen unmittelbaren Handlungsbedarf. Hätte dieselbe Frau eine Intima-Media-Dicke von 1 Millimeter wäre es hingegen definitiv angeraten, das Cholesterin medikamentös zu behandeln, weil in diesem Fall das Risiko für ein Atherosklerose-Aufkommen deutlich höher ist. Das Lp(a) kann – derzeit – nicht sinnvoll behandelt werden.
Ärzt*in für Wien: Inwieweit sind fachfremde Kolleginnen und Kollegen mit dem Thema Gefäßerkrankungen vertraut?
Assadian: Ich habe den Eindruck, dass das Wissen, wie man vaskuläre Erkrankungen diagnostiziert und welche Behandlungsmöglichkeiten vorliegen, zurückgeht. Vor 30 Jahren war die Herangehensweise noch eine ganz andere: Wenn ein Patient über ein kaltes Bein oder Schmerzen im Bein geklagt hat, wurde automatisch sein Puls gefühlt. Wenn der gut spürbar war, war klar, dass die Ursache für die Beschwerden nicht in den Gefäßen liegt. Solche Basics gehen leider mehr und mehr verloren – sicher auch systembedingt. Auch das, was wir als „qualifizierte Zuweisung“ bezeichnen, wird immer weniger. Was meine ich damit? Dass uns Kolleginnen und Kollegen einen Patienten zuweisen mit der Diagnose „A, B, C und D“, und der Patient kommt zu uns und hat tatsächlich „A, B, C und D“. Ein Teil der qualifizierten Zuweisung ist, das klinische Bild darzustellen, aber auch zu verstehen, welcher Eingriff oder welche Therapie für die Person dann im Spital realistisch durchführbar ist. Einem dementen oder bettlägerigen Menschen kann man nämlich nicht dieselbe Operation zumuten wie einem jüngeren, fitteren.
Ärzt*in für Wien: Wie kann man die Sensibilität für Gefäßerkrankungen unter der Kollegenschaft wieder etwas erhöhen?
Assadian: Ich denke, es ist unsere Aufgabe als Gefäßmedizinerinnen und Gefäßmediziner, mehr Bewusstsein zu schaffen und den Kolleginnen und Kollegen einfache „Kochrezepte“ in die Hand zu geben. Ein Beispiel: Wenn ein Patient wegen einer venösen Erkrankung oder postoperativ ein geschwollenes Bein hat, ist das Allereinfachste und Wirksamste ein Schall und danach eine Kompressionstherapie – kein CT und MR notwendig. Manchmal kann die Lösung ganz simpel sein, was in unserer mittlerweile hochspezialisierten Medizin oft aus den Augen verloren wird.
Veranstaltungstipp
Vascular Insights: Praxisnahe Einblicke in die Gefäßchirurgie – von der Claudicatio bis zum Aortenaneurysma
Zeit: Montag, 12. Oktober 2026, 18.00 bis 19.30 Uhr
Ort: Veranstaltungszentrum der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, 1010 Wien, Weihburggasse 10-12
Veranstalter: Gefäßforum in Kooperation mit der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien
Im Mittelpunkt stehen praxisrelevante Aspekte – von der (Differential-)Diagnostik über moderne Therapieoptionen bis hin zur Nachbetreuung. Dabei werden auch Tipps für eine gezielte und effiziente Zuweisung sowie die interdisziplinäre Zusammenarbeit vermittelt.
Den Auftakt bildet ein praxisnaher Fachvortrag mit Einblicken in die moderne Gefäßchirurgie. Anschließend besteht die Möglichkeit, mit Expertinnen und Experten persönlich ins Gespräch zu kommen.
Die Veranstaltung ist mit 2 medizinischen DFP-Punkten approbiert.
Anmeldung und Programm