Die aktuelle Ärztestatistik zeigt eine Entwicklung, die für die Gesundheitsversorgung der kommenden Jahre entscheidend sein wird: Ende 2025 waren 32,7 Prozent der Ärztinnen und Ärzte in Österreich älter als 55 Jahre. Insgesamt werden 18.346 Medizinerinnen und Mediziner innerhalb der nächsten zehn Jahre das Regelpensionsalter erreichen oder überschreiten. Besonders angespannt ist die Situation im niedergelassenen Bereich, in dem der Altersgipfel bei 63 Jahren liegt. Damit ist ausgerechnet die wohnortnahe Versorgung besonders stark von der bevorstehenden Pensionierungswelle betroffen.
Mangel im öffentlichen System
Allein um die derzeitige Zahl der Ärztinnen und Ärzte aufrechtzuerhalten, müssten jährlich rund 1.836 Medizinerinnen und Mediziner nachbesetzt werden. Dem stehen österreichweit 1.806 Studienplätze für Humanmedizin an öffentlichen Universitäten gegenüber. „Das klingt zwar auf den ersten Blick ausreichend, doch rund ein Drittel unserer Absolventinnen und Absolventen werden nicht im österreichischen Gesundheitssystem versorgungswirksam“, sagte Johannes Steinhart, Präsident der Österreichischen Ärztekammer und der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien bei einer Pressekonferenz. Zusätzliche Studienplätze allein lösen das Problem daher nicht, solange fertig ausgebildete Ärztinnen und Ärzte ins Ausland wechseln oder nach dem Studium lange auf einen Platz in der Basisausbildung warten müssen.
„Es gibt also keinen Ärztemangel an sich, sondern einen deutlichen Mangel im öffentlichen System, sei es im Kassenbereich oder in den Krankenhäusern“, betonte Steinhart. Unbesetzte Kassenstellen sowie lange Wartezeiten auf Untersuchungen und Operationen machten diese Entwicklung für die Bevölkerung längst spürbar. Steinhart fordert deshalb, allen Absolventinnen und Absolventen unmittelbar nach dem Studium einen Ausbildungsplatz anzubieten. Die Spitalsträger müssten ausreichend Plätze für die Basisausbildung schaffen und jungen Ärztinnen und Ärzten verlässliche Perspektiven geben.
Aus der aktuellen Ärztestatistik zeigt sich auch, dass die Medizin weiblicher wird. Die österreichische Ärzteschaft umfasst insgesamt 53.353 Personen. Mit 50,4 Prozent stellen Frauen hierbei die Mehrheit. In der Allgemeinmedizin beträgt der Frauenanteil sogar 60,3 Prozent, im Turnus 57,9 Prozent und unter der Fachärzteschaft 43 Prozent.
Blick in die Zukunft
Für Kammerpräsident Steinhart ist eine umfassende Flexibilisierung notwendig, um zumindest den Status quo aufrecht zu erhalten. „Die neue Generation möchte anders arbeiten. Sie möchte mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten haben, aber auch Zeit für Familie und Privatleben“, sagte der Kammerpräsident. Teilkassenverträge, Jobsharing, Anstellungen in Ordinationen sowie die gleichzeitige Tätigkeit im Spital und im niedergelassenen Bereich müssten unkompliziert möglich werden. Teammodelle seien ebenso zu fördern wie Einzelordinationen, die weiterhin eine tragende Säule der Versorgung bilden. Daher sei es erfreulich, dass im Rahmen der Gesundheitsreform auch Teilkassenstellen ein Thema sind: „Jede Ärztin und jeder Arzt mit einem Kassenvertrag ist ein Gewinn für das Gesundheitssystem – unabhängig von den geleisteten Arbeitsstunden“, führte Steinhart aus. Auch Primärversorgungseinheiten und Facharztzentren seien grundsätzlich sinnvoll, müssten aber in ärztlicher Hand bleiben.
„Wir sprechen hier immer vom Aufrechterhalten des Status quo, dabei ist nicht berücksichtigt, dass sich die Bevölkerungsstruktur ändert“, ergänzte Steinhart. Immerhin wachse die Bevölkerung in Österreich, werde älter und brauche natürlich ein breiteres medizinisches Betreuungsangebot. Das müsse auch für Zukunftspläne eingerechnet werden. „Ohne Wahlärztinnen und Wahlärzte, die die Probleme im kassenärztlichen Bereich bis zu einem gewissen Grad auffangen, hätte die Sozialversicherung viel größere Probleme“, betonte Steinhart. Statt diesen Bereich einzuschränken, müsse das Kassensystem wieder attraktiver gemacht werden.
Steinhart forderte darüber hinaus klare Patientenpfade, eine Stärkung des niedergelassenen Bereichs und eine Entlastung der Spitäler. „Auf europäischer Ebene brauchen wir eine EU-weite Quote von Mindeststudienplätzen, um Sogwirkungen zwischen den Ländern zu minimieren“, so Steinhart. Ebenso wichtig sei es, erfahrene Ärztinnen und Ärzte länger im System zu halten und ihre Expertise für die Ausbildung der nächsten Generation zu nutzen. Dafür müsse die Bürokratie deutlich reduziert werden. Bis zu 51 Prozent der ärztlichen Arbeitszeit im Spital fließen laut der jüngsten Befragung in administrative Tätigkeiten. „Das ist zu viel“, betonte der Kammerpräsident.