„Bergdoktor“ Hans Sigl
„Bergdoktor“ Hans Sigl

„Jeder Arzt würde sich gerne mehr Zeit für seine Patientinnen und Patienten nehmen“

Als „Bergdoktor“ Martin Gruber hat Hans Sigl Zeit für seine Patientinnen und Patienten und immer ein offenes Ohr. Seit beinahe 20 Jahren prägt er damit das Bild eines zugewandten Hausarztes. Im Interview mit Ärzt*in für Wien erzählt er, wie viel ärztlicher Alltag in der Fernsehrolle steckt, warum ihm Fans ihre Krankengeschichten anvertrauen und was Medizin und Schauspielerei verbindet.

Stefan Eckerieder-Donovan

Ärzt*in für Wien: Wie bereiten Sie sich auf die Rolle des Bergdoktors vor? Wie viel medizinisches Fachwissen bringt Hans Sigl mit, wenn er in die Rolle von Martin Gruber schlüpft?

Hans Sigl: Ich beschäftige mich tatsächlich mit unserem medizinischen Fachberater intensiv mit den Fällen, die beim „Bergdoktor“ vorkommen. Wir haben sie gemeinsam entwickelt und durchgesprochen. Als ich vor fast 20 Jahren in die Serie eingestiegen bin, haben wir gemeinsam eine Art Lehrgang gemacht. Er hat mir gezeigt wie man medizinische Ausrüstung richtig verwendet. Unter anderem hat er mir gezeigt, wie man ein Skalpell hält. Das Schneiden haben wir an einem Schweinebauch geübt. Auch das Abtasten von Lymphknoten gehörte dazu, damit es realistisch aussieht, ebenso wie das Legen von Zugängen. Ich war während meines Zivildienstes in Innsbruck in der Pflege tätig. Von dieser Erfahrung profitiere ich ebenfalls immer wieder. Bei den medizinischen Drehs haben wir außerdem eine medizinische Fachberatung am Set.

 

Ärzt*in für Wien: Wie nah kommt Ihrer Ansicht nach der „Bergdoktor“ dem tatsächlichen Alltag in einer Ordination?

Hans Sigl: Ich habe einige Ärzte in meinem Freundeskreis. Von daher weiß ich, dass die Realität des Arztberufs in der fiktionalen Welt der Serie natürlich viel zu kurz kommt. Aber wir sind natürlich ein Feelgood-Format und keine Doku. Die ärztliche Lebensrealität können und wollen wir darin nicht allzu realistisch wiedergeben. Zum Beispiel haben wir in der Serie ja nur eine Patientin beziehungsweise einen Patienten pro Woche.
Wenn ich zu meinem Hausarzt gehe, sehe ich natürlich, wie es in einer Ordination zugeht. Der Warteraum ist voll mit Patientinnen und Patienten und die Ärztin oder der Arzt stehen unter Zeitdruck, um jeden behandeln zu können. Das wollen wir nicht eins zu eins widerspiegeln, weil wir einen ganz anderen Ansatz haben.


Ärzt*in für Wien: Ist es vielleicht auch gerade eines der Erfolgsrezepte des „Bergdoktors“, dass Martin Gruber die Idealvorstellung eines Vertrauensarztes verkörpert, der sehr viel Zeit für seine Patientinnen und Patienten hat und sich ganz und gar seinen Patientinnen und Patienten widmen kann? 

Hans Sigl: Das kann ich auf alle Fälle mit Ja beantworten. Beim Dreh und auch rundherum haben wir in Ellmau in Tirol immer viele Kontakte mit Fans. Und der erste Satz, der immer wieder kommt, ist: „So einen Arzt wie Sie bräuchten wir in Wirklichkeit auch.“ Dieser Satz ist mit einem Augenzwinkern gemeint, aber mit Blick auf die medizinische Versorgung steckt viel Wahrheit darin. Kassenpatientinnen und - patienten können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, zeitnah einen Termin zu bekommen, wie lange man manchmal im Wartezimmer zubringen muss und unter wieviel Zeitdruck die Ärztinnen und Ärzte stehen. Die Aussage macht die Not vieler Patientinnen und Patienten deutlich.

Frau blickt nachdenklich, Arzt zeigt auf Zettel
Damit die Krankengeschichten möglichst realistisch erzählt werden, beziehen die Produzenten bereits bei der Entwicklung der Folgen medizinische Berater mit ein, erklärt Hans Sigl. / Foto: ZDF, Erika Hauri.


Ärzt*in für Wien: Was macht aus Ihrer Sicht eine gute Ärztin oder einen guten Arzt aus?

Hans Sigl: Patientinnen und Patienten möchten natürlich ganzheitlich wahrgenommen werden. Das versuche ich auch zu spielen. Ich bin nun seit fast 20 Jahren dieser Fernseharzt und setze mich damit auseinander, was die Menschen von einem guten Arzt erwarten. Dabei geht es darum, nicht nur das eine Symptom zu sehen, mit dem jemand kommt, sondern den Menschen in seiner Gesamtheit zu verstehen. Ich glaube, Patientinnen und Patienten sind oft ängstlicher, als sie sich vor der Ärztin oder dem Arzt zu sagen trauen. Eigentlich haben sie viel mehr Fragen. Ein guter Arzt hört genau hin, nimmt auch in den Nebensätzen die Sorgen und Ängste wahr und geht darauf ein. Nehmen wir zum Beispiel das große Blutbild: Viele Patientinnen und Patienten verstehen erstmal gar nicht, wie wichtig das für die Diagnostik sein kann. Dann bekommen sie diese Liste mit Fremdwörtern und verwirrenden Zahlen. Wenn sich jemand die Zeit nimmt, die Ergebnisse in Ruhe zu erklären und auf dieser Grundlage zu helfen, ist das sehr beruhigend und kann Ängste beseitigen. 


Ärzt*in für Wien: Bei den Bergdoktor-Fantagen kommen Tausende Menschen nach Ellmau, um einen Einblick in Ihre Arbeit zu bekommen und mit Ihnen ins Gespräch zu kommen. Hat Ihnen dabei schon einmal jemand einen Befund gezeigt und um medizinischen Rat gebeten?

Hans Sigl: Das gehört vielleicht eher in die Zeit von Dr. Brinkmann aus der Schwarzwaldklinik. Das kommt mittlerweile nicht mehr vor. Allerdings ist die Hemmschwelle, mir sehr Persönliches zu erzählen, niedriger. Wenn ich mir in der Mittagspause beim Dreh Zeit für Fotos und Gespräche nehme, passiert es nicht selten, dass mir jemand die eigene Krankengeschichte oder jene von Verwandten oder Bekannten erzählt. Dabei geht es gar nicht so sehr darum, die Krankengeschichte nachzuvollziehen, sondern darum, gehört zu werden. Krankheiten sind elementare Momente im Leben eines Menschen. Die Leute kennen mich schon lange, beziehungsweise begleite ich sie schon lange im Fernsehen. Dann werde ich als eine Art Seelsorger gesehen, bei dem sie diesen Ballast abladen können.
Meine Beobachtung ist, dass Menschen unter großem Stress stehen, wenn sie eine Krankengeschichte verarbeiten müssen. Wer von einer Krankheit betroffen ist, lebt mit der Ungewissheit: Man weiß nicht, wohin die Reise geht. Ärztinnen und Ärzte stehen aber selbst unter großem Druck, weil sie viele Menschen behandeln müssen. Deshalb haben sie oft nicht die Ressourcen, sich alles anzuhören und auf jede Sorge einzugehen.
Andere haben eine Krankheit bereits überstanden, stehen aber noch immer unter dem Eindruck der Lebensgefahr. Sie können gar nicht fassen, dass sie das geschafft haben. Diese beiden Seiten erlebe ich sehr häufig. Dann gibt es natürlich auch die schwierigen Geschichten.
Mit den Fans der Serie hat man zahlreiche Erlebnisse, die einen bewegen. Sie erfordern Empathie und die Bereitschaft, sich Zeit zu nehmen und zuzuhören. Da kommt man als Schauspieler der Realität des ärztlichen Berufs wohl am nächsten.


Ärzt*in für Wien: Wie sind die Rückmeldungen der Ärztinnen und Ärzte auf die Fälle des „Bergdoktors“? 

Hans Sigl: Das hat sich über die Zeit sehr verändert. Das hat auch damit zu tun, dass die ersten Folgen 2008 nur 45 Minuten lang waren. Da mussten wir die medizinischen Geschichten schon sehr verkürzt erzählen. Der Sprung von der Vorbereitung einer Herztransplantation über den Eingriff und die Genesung bis zu dem Moment, in dem der Bub wieder auf einem Baum sitzt – „Huch, ich habe ein neues Herz!“ –, war schon sehr kurz.
Seit wir 90 Minuten pro Folge haben, können wir die medizinischen Geschichten viel realistischer ausrollen. Wir haben gut recherchierte Fälle, eingebettet in ein liebenswertes Familienkonstrukt. Anfangs war manchen Zuschauerinnen und Zuschauern der medizinische Schwerpunkt sogar fast zu viel. Da hieß es: „Das ist ja schon beinahe wie bei Dr. House.“ Darüber haben wir uns natürlich gefreut, denn das war die Benchmark, zu der wir hinwollten: eine coole Medical-Crime-Geschichte, bei der es um die Krankheit hinter der Krankheit geht.
Im Laufe der Zeit haben wir das aber immer wieder angepasst, weil wir nicht zu viel konstruieren wollen. Gleichzeitig wurde das Lob aus der Ärzteschaft immer mehr, weil unsere Geschichten sehr gut recherchiert und nah an der Realität sind. Ich bekomme auch Zuschriften von Ärztinnen und Ärzten, die sich bedanken, weil sich unsere Fälle mit Krankengeschichten decken, die sie aus ihrer eigenen Praxis kennen. Es ist sogar schon passiert, dass uns ein Patient mit einer zunächst unklaren Diagnose erzählt hat, die Sendung habe ihm einen Hinweis darauf gegeben, was er haben könnte. Und das hat sich dann tatsächlich bestätigt.


Ärzt*in für Wien: Hat die Rolle Ihren Umgang mit der eigenen Gesundheit und Vorsorge verändert?

Hans Sigl: Nein, denn durch meine Erfahrungen im Pflegedienst und meine Freundschaften mit Ärzten hatte ich dafür immer schon ein Bewusstsein. Mein Zugang ist pragmatisch: Für mich gibt es im Körper Hardware und Software. Auf die Hardware muss man achten. Dafür gibt es einen regelmäßigen Service, und den muss man auch in Anspruch nehmen. Diesen Zugang sollte jeder haben. Er würde vielen Menschen auch die Angst vor dem Ungewissen nehmen. Die Software hat ein eigenständiges System und muss ebenso gepflegt werden.       
Was sich durch die Rolle verändert hat, ist mein Blick auf das medizinische System und auf die Patientinnen und Patienten. Gerade auch auf die Landärzte und darauf, wie schwierig es für viele Gemeinden ist, Hausarztstellen zu besetzen.

Zwei Männer kümmern sich um eine leblose Frau
„Der Bergdoktor“ ist eine Ko-Produktion von ZDF und ORF. Seit der Neuauflage im Jahr 2008 wurden in 19 Staffeln rund 180 Folgen der Serie, die in der Tiroler Gemeinde Ellmau gedreht wird, ausgestrahlt. / Foto: ZDF, Sabine Finger Fotografie


Ärzt*in für Wien: Gibt es etwas, das der Arztberuf und die Schauspielerei gemeinsam haben?

Hans Sigl: Ich glaube, es ist dieses Im-Moment-Sein: präsent zu sein und auf den anderen Menschen einzugehen. Ich weiß allerdings, dass das für Ärztinnen und Ärzte nicht immer in dem Ausmaß möglich ist, in dem sie es sich wünschen würden. Ich glaube, jeder Arzt würde sich gerne mehr Zeit für seine Patientinnen und Patienten nehmen. Wenn man sich aber das System und die vollen Wartezimmer anschaut, sieht man, dass das unter den aktuellen Voraussetzungen nicht immer geht. 


Ärzt*in für Wien: Wenn Sie sich in eine echte Ordination setzen würden: Wie lange würde es dauern, bis die Patientin oder der Patient bemerkt, dass Sie kein echter Arzt sind?

Hans Sigl: Einen Termin an der Rezeption würde ich gerade noch vereinbaren können. Aber danach, beim eigentlichen Arztgespräch, würde ich bereits auffliegen – aber sehr sympathisch! (lacht)

„Ich beschäftige mich tatsächlich mit unserem medizinischen Fachberater intensiv mit den Fällen, die beim ‚Bergdoktor‘ vorkommen.“
Mann im Bergpanorama mit Filmklappe
Seit 18 Jahren ist Hans Sigl als „Bergdoktor“ Martin Gruber einer der bekanntesten TV-Ärzte im deutschsprachigen Raum. Auch international ist die Serie erfolgreich: Sie wird in 16 Ländern weltweit ausgestrahlt.
Foto: Ruppografie - Nadine Rupp
„Kassenpatientinnen und - patienten können ein Lied davon singen, wie schwierig es ist, zeitnah einen Termin zu bekommen, wie lange man manchmal im Wartezimmer zubringen muss und unter wieviel Zeitdruck die Ärztinnen und Ärzte stehen.“
„Mein Zugang ist pragmatisch: Für mich gibt es im Körper Hardware und Software. Auf die Hardware muss man achten. Dafür gibt es einen regelmäßigen Service, und den muss man auch in Anspruch nehmen.“
 
© Ärztin für Wien | 22.10.2026 | Link: https://aerztinfuerwien.at/panorama/jeder-arzt-wuerde-sich-gerne-mehr-zeit-fuer-seine-patientinnen-und-patienten-nehmen