Die Kammer macht's zum Thema

Künstliche Intelligenz: Unterstützung statt Autopilot

KI-Systeme halten mit rasantem Tempo Einzug in die Medizin. Auf Initiative der Kammer für Ärztinnen und Ärzte diskutierten im Albert-Schweitzer-Haus Expertinnen und Experten über aktuelle Einsatzbereiche Künstlicher Intelligenz, medizinische Potenziale, mögliche Risiken und die notwendigen Rahmenbedingungen.

Stefan Eckerieder-Donovan

Künstliche Intelligenz hält mit enormer Geschwindigkeit Einzug in die Medizin. Während in den USA vor wenigen Jahren nur einzelne neue Systeme pro Jahr zugelassen wurden, waren es zuletzt 331. Die Verteilung sei jedoch sehr unterschiedlich, erklärte Günther Tschabuschnig, Abteilungsleiter für IT und Digitalisierung in der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, beim Vorreiter Event auf Initiative der Kammer gemeinsam mit Praevenire am 15. September. Besonders viele Zulassungen gebe es in Radiologie und Dermatologie, in anderen Fachgebieten hinkt die Zahl der Zulassungen noch deutlich hinterher.

Mit der Entwicklung steige auch die Gefahr, technischen Empfehlungen ungeprüft zu folgen. Eine Studie habe etwa gezeigt: Ohne KI kamen Ärztinnen und Ärzte in acht von zehn Fällen zum richtigen Ergebnis. Wurden ihnen bewusst falsche KI-Vorschläge vorgelegt, waren es nur noch zwei von zehn. „Wir vertrauen der KI vielleicht hin und wieder zu viel“, warnte er. Zudem gelte: „KI kann nur so gut sein wie die Daten, mit denen wir sie trainieren.“ Hinzu kämen ungeklärte Haftungsfragen. Die letzte Verantwortung bleibe daher bei jener Person, die das System einsetzt. Den größten Nutzen entfalte KI, wenn sie das ärztliche Urteil ergänze, ohne es vorwegzunehmen: „Zuerst bilde ich mir eine eigene Einschätzung, dann schaue ich mir den Vorschlag der KI an – und nicht umgekehrt.“

Mehr Zeit für Patientinnen und Patienten

Benjamin Glaser, Präsidialreferent der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, plädierte für einen breiten und zugleich differenzierten Blick auf den Einsatz Künstlicher Intelligenz. Diese könne nicht nur sinnvoll für Diagnosen verwendet werden, sondern bringe bereits bei grundlegenden Aufgaben große Vorteile. Schon heute könnten Anwendungen in Ordinationen und Spitälern administrative Aufgaben erleichtern, Gespräche strukturiert zusammenfassen und die wesentlichen Informationen für die Dokumentation aufbereiten. „KI kann uns gerade bei der Bürokratie viel Arbeit abnehmen und damit wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten schaffen. Hier müssen dringend entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden“, erklärte Glaser. Bei diagnostischen Anwendungen müsse hingegen weiterhin besonderer Wert auf hohe Qualitätsstandards und eine fundierte ärztliche Ausbildung gelegt werden. Ärztinnen und Ärzte dürften sich auch künftig nicht unkritisch auf die Ergebnisse eines Systems verlassen. „Die Expertise der Ärztinnen und Ärzte bleibt ausschlaggebend. Die Letztentscheidung muss immer bei ihnen liegen“, betonte Glaser. KI solle daher vor allem als Ergänzung eingesetzt werden: Sie könne Diagnosen untermauern, zusätzliche Hinweise liefern und die medizinische Entscheidungsfindung unterstützen. Ihre Ergebnisse müssten jedoch stets kritisch geprüft und mit der ärztlichen Einschätzung abgeglichen werden.

Mann mit Mirkophon
Benjamin Glaser sieht auch im Bereich des Bürokratieabbaus große Potenziale durch KI. Er drängt darauf, die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen. Foto: PERI Consulting/APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz

400 Millionen Bildpunkte

Das Potenzial künstlicher Intelligenz liege vor allem in der Verarbeitung großer Datenmengen, erklärte Ursula Schmidt-Erfurth von der Universitätsklinik für Augenheilkunde und Optometrie der MedUni Wien und Leiterin des CD-Labors für Ophthalmologische Bildanalyse der Christian Doppler Forschungsgesellschaft. Ein gewöhnlicher Augenscan umfasse rund 400 Millionen Bildpunkte. KI könne daraus relevante Informationen für Diagnostik, Screening und Verlaufskontrolle herausfiltern. Dabei müsse klar sein, dass jeder Algorithmus nur für eine eng umrissene Aufgabe entwickelt werde. „Die Aufgabe besteht nicht darin, eine Diagnose zu machen, sondern eine Diagnose, die der Arzt macht, zu unterfüttern“, betonte Schmidt-Erfurth. Werde ein System außerhalb seines vorgesehenen Einsatzbereichs verwendet, drohten Fehldiagnosen. Entscheidend sei daher die Zusammenarbeit medizinischer und technischer Fachleute. „Wir müssen uns den Grenzen von beiden Seiten nähern: dem, was KI nicht kann, und dem, was sie kann.“ Richtig eingesetzt könne KI die medizinische Beurteilung unterstützen, aber nicht ersetzen.

Medizin muss Entwicklung mitgestalten

Harald Kittler, Leiter des Fachbereichs Dermatologie an der MedUni Wien, verwies auf die Erfahrungen aus dem praktischen Einsatz. Nicht jede theoretisch vielversprechende Anwendung erweise sich auch im medizinischen Alltag als nützlich. Der tatsächliche Mehrwert entspreche daher nicht immer den Versprechen der Hersteller.

In der dermatologischen Diagnostik habe die technologische Entwicklung allerdings große Fortschritte gemacht. Frühere Systeme seien für einzelne Aufgaben trainiert worden und hätten dabei teilweise bloße statistische Zusammenhänge genutzt. Moderne Modelle könnten medizinische Befunde umfassender abbilden und für unterschiedliche diagnostische Aufgaben eingesetzt werden. Ihr Leistungsvermögen werde sich in den kommenden Jahren weiter verbessern. Ärztinnen und Ärzte dürften jedoch nicht darauf warten, dass ihnen die Industrie fertige Lösungen anbiete. Sie müssten sich bereits in der Entwicklungsphase aktiv einbringen, Anwendungen erproben und gemeinsam mit technischen Fachleuten praxistaugliche Systeme entwickeln. Nur so könne KI entstehen, die sich an den tatsächlichen Anforderungen der Medizin orientiere.

Gleichzeitig warnte Glaser davor, aus Sorge vor möglichen Risiken auf sinnvolle KI-Anwendungen zu verzichten: „Ich bin überzeugt, dass KI uns in vielen Bereichen helfen kann. Wichtig ist, dass wir in die Gänge kommen und sie dort einsetzen, wo sie einen echten Nutzen bringt.“

„KI kann uns gerade bei der Bürokratie viel Arbeit abnehmen und damit wieder mehr Zeit für die Patientinnen und Patienten schaffen. Hier müssen dringend entsprechende Rahmenbedingungen geschaffen werden.“
Drei Männer und eine Frau stehen
Günther Tschabuschnig, Ursula Schmidt-Erfurth, Benjamin Glaser und Harald Kittler diskutierten beim Vorreiter Event über die Potenziale von KI in der Medizin.
PERI Consulting/APA-Fotoservice/Krisztian Juhasz
„Die Aufgabe besteht nicht darin, eine Diagnose zu machen, sondern eine Diagnose, die der Arzt macht, zu unterfüttern.“
 
© Ärztin für Wien | 17.09.2026 | Link: https://aerztinfuerwien.at/gesundheitspolitik/kuenstliche-intelligenz-unterstuetzung-statt-autopilot