Tagesmedizin: Der richtige Eingriff am richtigen Ort
Der medizinische Fortschritt ermöglicht immer mehr Behandlungen ohne Übernachtung im Spital. Auf Initiative der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien diskutierten Expertinnen und Experten, welche Strukturen, Finanzierungsmodelle und Kooperationen es braucht, damit Tagesmedizin ihr Potenzial entfalten kann.
„Patientinnen und Patienten unterscheiden nicht zwischen intra- und extramuraler Versorgung, verschiedenen Trägern oder Zuständigkeiten. Für sie gibt es nur einen Weg durch das Gesundheitssystem und dieser muss besser organisiert werden“, betonte Dieter Kölle, 2. stellvertretender Obmann der Kurie angestellte Ärzte, beim Vorreiter-Event von Kammer und Praevenire am 15. September im Albert-Schweitzer-Haus. Die Medizin habe sich grundlegend verändert, die bestehenden Strukturen seien diesem Wandel jedoch noch nicht ausreichend gefolgt.
Besonders deutlich werde dies am Beispiel der Tagesmedizin. Viele Eingriffe, die früher eine Übernachtung im Spital erforderten, könnten heute dank des medizinisch-technologischen Fortschritts und minimalinvasiver Verfahren sicher und schonend tagesmedizinisch durchgeführt werden. „Das ist keine Medizin zweiter Klasse. Im Gegenteil: Es ist häufig die modernere Form der Versorgung“, erklärte Kölle. Patientinnen und Patienten könnten noch am selben Tag in ihr gewohntes Umfeld zurückkehren, würden weniger belastet und fänden schneller in den Alltag zurück. Gleichzeitig würden stationäre Kapazitäten für jene frei, die sie tatsächlich benötigen. Der Grundsatz müsse daher lauten: „Ambulant, wenn möglich – stationär, wenn notwendig“, sagte Kölle. Dies dürfe allerdings nicht als Sparprogramm verstanden werden, sondern müsse ein medizinisches Prinzip bleiben. Die zentrale Frage sei nicht, wo eine Leistung möglichst billig erbracht werden könne, sondern wo sich der medizinisch richtige Ort für die jeweilige Behandlung befinde.
Vom Bett zur medizinischen Leistung
Kölle verwies auf das in diesem Jahr vorgestellte „Spitalskonzept 2040“, das von der Kurie angestellte Ärzte entwickelt wurde. Dessen Leitgedanke ist der „Best Point of Service“: Entscheidend sei nicht, wem eine Einrichtung gehöre, sondern was Patientinnen und Patienten benötigten. Der geeignete Behandlungsort könne ein Spital, eine Tagesklinik, eine ambulante Einheit oder eine niedergelassene Ordination sein.
Um diesen Wandel zu ermöglichen, brauche es einen Übergang vom bettenbasierten zum leistungsorientierten Denken. Ein tagesmedizinischer Therapieplatz könne rechnerisch 1,5 stationäre Betten ersetzen. Daraus ergebe sich österreichweit ein geschätztes jährliches Effizienzpotenzial von rund 2,4 Milliarden Euro. Voraussetzung seien jedoch eine eigenständige Finanzierungssäule sowie Abläufe, Arbeitsmodelle und Einrichtungen, die konsequent auf Tagesmedizin ausgerichtet sind. Es reiche nicht, in bestehenden Strukturen lediglich die Betten zu entfernen.
Tagesmedizin biete neben wirtschaftlichen Effekten zahlreiche weitere Vorteile, erklärte Ambulantisierungsexperte Wilhelm Marhold. Viele Patientinnen und Patienten seien froh, wenn sie nach einem Eingriff noch am selben Tag nach Hause zurückkehren könnten. Zugleich werde das Personal entlastet, da weniger Nacht- und Wochenenddienste erforderlich seien. Statt bestehende Bettenstationen weiterhin als solche zu modernisieren, sollten verstärkt Tagesstationen mit eigenen Eingriffsräumen geschaffen werden, forderte Marhold. Dadurch ließen sich Zentral-OPs entlasten und Wartezeiten auf Operationen verkürzen. Dafür brauche es geeignete Vergütungsmodelle der Krankenversicherung für den niedergelassenen Bereich. Ebenso wichtig sei eine offene Kommunikation, um Patientinnen und Patienten in den Wandel einzubeziehen und mögliche Ängste abzubauen.
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Kooperation und individuelle Abklärung
Kira Sorko-Enzfelder, Fachärztin für Allgemeine Chirurgie und Viszeralchirurgie, plädierte unter anderem für spezialisierte tageschirurgische Zentren, die Diagnostik, Indikationsstellung und Operation an einem Ort bündeln. Entscheidend sei eine enge Kooperation mit den Spitälern. Anhand von Allgemeinzustand, Begleiterkrankungen und Narkoserisiko müsse geprüft werden, ob Patientinnen und Patienten sowie der jeweilige Eingriff für eine tagesklinische Behandlung geeignet seien. Andernfalls müsse die Weiterleitung an ein kooperierendes Krankenhaus erfolgen.
Alexander Klaus, Vorstand der Chirurgie und ärztlicher Direktor des Krankenhauses der Barmherzigen Schwestern, verwies auf die langjährige Erfahrung seines Hauses: Seit mehr als 20 Jahren werde dort tagesmedizinische Versorgung angeboten. Deren Ausbau ermögliche es, stationäre Ressourcen gezielt für schwer kranke Menschen freizuhalten.
Bei einfachen Eingriffen stelle sich daher nicht mehr vorrangig die Frage, ob jemand für eine tagesklinische Behandlung geeignet sei, sondern ob konkrete Gründe dagegensprächen. Neben medizinischen Risiken – etwa nach schweren Operationen an Herz oder Lunge – müssten auch die Lebensumstände berücksichtigt werden. Menschen, die allein leben, nach dem Eingriff zu Hause keine Betreuung haben oder weit vom Krankenhaus entfernt wohnen, könnten eine stationäre Nachbeobachtung benötigen.
