Wiener Ambulanz für Betroffene soll Mitte 2027 eröffnen
Ab kommendem Jahr wird es in Wien eine eigene Anlaufstelle für Menschen mit post-akuten Infektionssyndromen (PAIS) geben. Dazu gehören etwa Post/Long Covid und ME/CFS. Zudem werden zwei neue ME/CFS Forschungsprojekte aus der Taufe gehoben und mit je einer Million Euro gefördert.
Wien wird nach Graz und Salzburg als dritte österreichische Stadt eine Ambulanz für post-akute Infektionssyndrome bekommen. Das Zentrum wird im Diabeteszentrum Donaufeld in Floridsdorf errichtet werden und ist als Anlaufstelle für Betroffene von Long-Covid oder ME/CFS (Myalgische Enzephalomyelitis/Chronisches Fatigue Syndrom) konzipiert. Die Versorgung startet ab Sommer 2027 in einer ersten Ausbaustufe, bis Mitte 2028 ist der finale Ausbau geplant. Medizinische Versorgung und therapeutische Begleitung auf Basis der aktuellen Leitlinien gehen dabei Hand in Hand. Das Zentrum ist für Menschen gedacht, die schon eine diesbezügliche Diagnose erhalten und eine Überweisung dorthin bekommen haben.
ME/CFS ist keine seltene Krankheit. Aktuell gibt es zwar keine systematische Erfassung von ME/CFS-Betroffenen oder öffentliche Erhebungen zur Anzahl Betroffener in Österreich. Allerdings hat das Nationale Referenzzentrum für postvirale Syndrome, das seit 2024 an der MedUni Wien ansässig ist, eine aktuelle ME/CFS-Prävalenz errechnet: In Österreich dürften insgesamt fast 74.000 Menschen erkrankt sein. Rund 60 Prozent davon sind teilweise arbeitsunfähig, etwa ein Viertel ist ans Haus oder ans Bett gebunden.
Zudem wurden bei einer Pressekonferenz im Wiener Rathaus zwei neue Forschungsprojekte zu ME/CFS vorgestellt, die mit je einer Million Euro gefördert werden. Der Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF) vergibt diese Förderung gemeinsam mit der privaten, von der Unternehmerfamilie Ströck initiierten, WE&ME-Stiftung. Gerhard Ströck, Geschäftsführer des gleichnamigen Bäckerei-Unternehmens, hat zwei erwachsene Söhne, die an ME/CFS erkrankt sind. Die Stiftung hat er mangels Anlaufstellen und passender Diagnostik sowie einer Lücke in der Forschung gegründet, hauptsächlicher Schwerpunkt ist die Grundlagenforschung, die so gefördert werden soll. Eine erfolgreiche Kooperation mit der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien gab es 2025: Die WE&ME Foundation war Charity-Partner des 73. Wiener Ärzteballs im vergangenen Jahr, der Spendenerlös von 118.000 Euro wurde in die weitere Erforschung der Krankheit investiert.
Die Rolle der Gene am Prüfstand
Als wissenschaftliche Drehscheibe bei den neuen Forschungsprojekten fungiert die MedUni Wien. Unter anderem wird in einem Projekt untersucht, inwiefern die Energieversorgung in Gehirn und Muskulatur durch Sauerstoffmangel versagt, während Gesunde das ausgleichen können. Es soll erforscht werden, was dafür die Ursache ist und ob eine Sauerstoffzufuhr dieses Versagen ausgleichen kann. Das zweite Projekt geht möglichen genetischen Gründen für das Auftreten einer ME/CFS-Diagnose nach. Dafür baut das Team eine österreichische Kohorte auf und untersucht sie mit Ganzgenomsequenzierung. Ein neues „ME/CFS Rare Disease Board“ bewertet die Befunde. Ziel ist eine präzisere Diagnostik.
In Wien gibt es zudem seit April ein Angebot der Caritas Socialis für ME/CFS-Erkrankte: Unter dem Namen CS Nordlicht werden unterschiedliche Betreuungsoptionen wie etwa eine Beratungsstelle oder mobile Pflegeangebote zusammengefasst. Der erste von der Caritas Socialis organisierte ME/CFS Fachkongress fand am 13. Oktober in Wien statt. Er rückte Themen wie die Verbesserung der interprofessionellen Begleitung und Pflege sowie medizinethische Fragen in den Vordergrund.
Nationales Referenzzentrum für postvirale Syndrome
