Weg vom Bettendenken, hin zum Best Point of Service
Wie soll das Gesundheitssystem der Zukunft aussehen – und vor allem: Wo sollen Patientinnen und Patienten künftig behandelt werden? Vertreter der Kammer diskutierten bei den Praevenire Gesundheitstagen in Eisenstadt, ob die Gesundheitsreform den großen Wurf bringt und welche Maßnahmen das System jetzt braucht und wie wichtig Augengesundheit in Zukunft werden wird.
Die Antwort aus Wien fiel deutlich aus: Es gehe nicht darum, Spitäler einfach größer oder kleiner zu bauen. Gefordert sei ein grundlegender Perspektivenwechsel – hin zu mehr Tagesmedizin, verständlichen Versorgungswegen und einem Gesundheitssystem, das stärker vom Bedarf der Patientinnen und Patienten ausgeht, so die klare Botschaft des Vizepräsidenten und Obmann der Kurie angestellte Ärzte der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, Eduardo Maldonado-González, in seinem Impulsvortrag über das Wiener Spitalskonzept 2040 Anfang Oktober am ersten Tag der Praevenire Gesundheitstage in Eisenstadt.
Statt die Diskussion ausschließlich entlang von Zuständigkeiten zwischen Spital und niedergelassenem Bereich zu führen, solle der Blick auf den gesamten Weg der Patientinnen und Patienten gelenkt werden. Denn für sie gebe es keine Trennung zwischen „intra-“ und „extramural“, keine unterschiedlichen Träger oder IT-Systeme, die nicht miteinander kommunizieren. „Für sie gibt es nur einen Weg durch das Gesundheitssystem und genau dieser Weg muss künftig besser organisiert werden“, stellte der Vizepräsident fest.
Die Zahlen zeigen, dass sich die Rahmenbedingungen des Gesundheitssystems längst verändert. Die stationäre Versorgung in Österreich kostete 2024 rund 18,4 Milliarden Euro – 53,4 Prozent mehr als noch 2015. Gleichzeitig ging die Zahl der stationären Aufenthalte in den Fondskrankenanstalten deutlich zurück. Auch Belagstage und tatsächlich aufgestellte Betten wurden weniger. Parallel dazu nahm die spitalsambulante Versorgung massiv zu. Zwischen 2015 und 2024 stiegen die Ausgaben in diesem Bereich um 143,5 Prozent.
Die Schlussfolgerung lautete deshalb nicht weniger Medizin, im Gegenteil. Medizinische Leistungen sollen dort erbracht werden, wo sie für die jeweilige Behandlung sinnvoll sind.
Bei der anschließenden Diskussion ergänzte Benjamin Glaser, Präsidialreferent der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, noch weitere wichtige Punkte des Wiener Spitalskonzepts 2040: „Es braucht die beste Versorgung am richtigen Ort. Das kann das klassische Spital sein, aber ebenso eine Tagesklinik, eine ambulante Einheit oder eine Ordination im niedergelassenen Bereich.“ Entscheidend solle immer die individuelle medizinische Situation sein. Glaser: „Das Grundprinzip lautet: ambulant, wenn möglich – stationär, wenn notwendig. Das klassische Bettendenken soll damit einem Funktionsdenken weichen. Nicht die Zahl der Betten oder die Größe eines Standortes soll im Mittelpunkt stehen, sondern die Frage, welche Versorgung dort tatsächlich geleistet wird – der Best Point of Service.“
Gesundes Sehen 2040
Am Nachmittag des zweiten Tages in Eisenstadt lag der Fokus auf dem Thema der Augengesundheit und den Herausforderungen, die in Zukunft in diesem Bereich auf die Gesellschaft zukommen werden. Gabriela Valerie Seher, Obfrau der Fachgruppe Augenheilkunde und Optometrie der Kammer für Ärztinnen und Ärzte in Wien, informierte bei ihrem Impulsvortrag, dass bereits jetzt 80 Prozent der Menschen in China kurzsichtig sind. In Europa seien es derzeit 30 Prozent, Tendenz stark steigend. Vor allem die digitale Augenbelastung durch Bildschirmarbeit und Handys seien entscheidend für diese Entwicklung und die Entstehung des Computer Vision Syndrome (CVS).
Seher: „Kurzsichtigkeit ist nicht nur ein Schönheitsfehler. Sie verändert die Augen und ist entscheidend für die spätere Gesundheit. Dabei sollten alle Veränderungen auch augenärztlich abgeklärt werden, um spätere Erkrankungen frühestmöglich entgegenzuwirken.“
Augengesundheit ist jedenfalls ein gesamtgesellschaftliches Thema, da in Zukunft 80 Prozent der Arbeitsplätze mit Bildschirmen zu tun haben werden. Hier müsse vor allem im Arbeitsbereich der Fokus auf dem Arbeitnehmerschutz liegen und zudem das CVS als eigenständige Krankheit anerkannt werden.
„Das Augenmerk muss vor allem bei den Kindern und Jugendlichen liegen. Sie sollten mit gesunden Augen in die Zukunft blicken. Dabei sind augenärztliche Untersuchungen einmal im Jahr sowie die Bewusstseinsbildung bei den Eltern, dass die Nutzung von Handys und Bildschirmen negativen Konsequenzen für die Augen hat, wesentlich“, erklärt die Fachgruppenobfrau Seher.
