Für einen guten Start ins Leben
Für einen guten Start ins Leben

Professionelle Unterstützung für sozial benachteiligte Familien

Die Kinderärztin und Psychotherapeutin leitet seit dem Jahr 2000 die Baby-Care-Ambulanz der Klinik Favoriten: Katharina Kruppa spricht über ihre Erfahrungen als ärztliche Leiterin des gemeinnützigen Vereins Grow Together, den sie 2012 mitgegründet hat.

Matthias Fauner

Ärzt*in für Wien: Wie würden Sie Grow Together kurz beschreiben?
Kruppa: Ich bezeichne Grow Together als sozialpädiatrisches Projekt, auch wenn wir primär sozialarbeiterische und vor allem therapeutische Arbeit leisten. Als Kinderärztin erlebe ich jeden Tag, wie sehr die Entwicklung von Kindern davon abhängt, in welches familiäre Umfeld sie hineingeboren werden. Ich leite seit vielen Jahren die Kinderschutzgruppe in der Klinik Favoriten – dort können Ärztinnen und Ärzte aber nur aufzeigen, nicht direkt eingreifen.

Ärzt*in für Wien: War für Sie der ausschlaggebende Punkt dafür, Grow Together mitzugründen, präventiv zu arbeiten, bevor „etwas passiert“?
Kruppa: Auf der Pädiatrie oder Neonatologie sehen wir viele sozialpädiatrische Fälle, wo wir uns fragen, ob die Kinder zu Hause gut aufgehoben sind. Irgendwann konnte ich einfach nicht mehr nur zusehen und nichts tun. Studien zeigen, dass sich für die Kinder etwas zum Positiven verändern lässt, wenn man mit den Eltern früh und intensiv therapeutisch arbeitet. Die Gründung von Grow Together war für mich die logische Konsequenz – ohne mir bewusst zu sein, welchen administrativen Aufwand eine Vereinsgründung mit sich bringt. Für uns stand im Vordergrund, intensiv mit den Eltern zu arbeiten und wissenschaftliche Erkenntnisse in die Praxis umzusetzen – und unsere Arbeit mit Eltern, Säuglingen und Kleinkindern wissenschaftlich zu begleiten. Darauf aufbauend haben wir unsere spezifische Methode entwickelt.

Ärzt*in für Wien: Wie funktioniert die „Grow Together“-Methode?
Kruppa: Grow Together versucht eine Frage zu beantworten, die sehr schwer wiegt: Wie kann ein Mensch, der als Kind nie liebevolle Zuwendung erfahren hat, einem Kind Liebe schenken? Denn es sind diese allerersten Beziehungen, die Kinder überhaupt erst befähigen, die Welt zu entdecken. Beziehung und Gehirnentwicklung hängen sehr eng zusammen. Wir arbeiten daher mit einer beziehungsorientierten Methode: Wir bieten den Eltern Beziehungen an, anhand derer sie lernen können, eine Beziehung zu ihrem Kind aufzubauen. Aus Sicht des Kinderschutzes ist es essenziell, Beziehungsangebote unterschiedlichster Menschen und in verschiedenen Settings zu kombinieren: Einzelarbeit plus Gruppenarbeit plus Einzeltherapie plus Kindertherapie.

Ärzt*in für Wien: Wie erreicht Grow Together seine Klientinnen und Klienten?
Kruppa: Wir kooperieren eng mit der MA 11, der Kinder- und Jugendhilfe der Stadt Wien. Unsere Klientinnen und Klienten sind Familien, bei denen Kinderschutz immer ein Thema ist. Wir versuchen daher, möglichst früh mit der Begleitung und Betreuung einer Familie zu beginnen.

Ärzt*in für Wien: Wo setzt die Unterstützung durch Grow Together an?
Kruppa: Grundsätzlich betreuen wir immer die ganze Familie – ob es sich nun um Alleinerziehende handelt oder um Familien, in denen die Väter präsent sind. Diese Eltern haben selbst nie gute Elternschaft erlebt und früh Gewalterfahrungen gemacht, sie tun sich daher mit der eigenen Elternrolle sehr schwer. Grow Together arbeitet auf Beziehung und Bindung hin – denn Bindung ist einer der wirksamsten Schutzfaktoren für die Kinder. Unsere intensive Beziehungsarbeit mit den Eltern beginnt bei den werdenden Müttern, die über Vermittlung von Kliniken, Ärztinnen und Ärzten, Therapeutinnen und Therapeuten oder Beratungsstellen zu uns kommen. Die Chance besteht darin, dass Menschen in der Phase, in der sie ein Kind bekommen, viel offener für Veränderung sind. Indem wir die Eltern dabei unterstützen, ihr Leben zu stabilisieren, schützen wir auch die Kinder.

Ärzt*in für Wien: Verhalten sich die Klientinnen und Klienten kooperativ und nehmen die Unterstützungsangebote von Grow Together an?
Kruppa: Diese Menschen haben schon oft erlebt, dass ihnen Hilfe unter Druck angeboten wird und wehren sich tendenziell dagegen. Aber alle jungen Eltern sind auf Unterstützung angewiesen, daher fällt es Menschen in dieser Phase leichter, neue Beziehungen einzugehen und Unterstützungsangebote anzunehmen. Unsere Mitarbeitenden begegnen ihnen auf Augenhöhe und bauen intensive Beziehungen zu ihnen auf. Wenn unsere Klientinnen und Klienten spüren, dass das ehrlich gemeint ist, sind sie auch sehr dankbar für die Unterstützung. Und die Freude darüber, dass die Eltern mit uns an einem Strang ziehen, ist für uns sehr motivierend!

Ärzt*in für Wien: Wie setzt sich das Betreuungsteam von Grow Together zusammen?
Kruppa: Wir sind ein multiprofessionelles Team. Unsere Mitarbeitenden sind ausgebildete Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen, Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten sowie Psychologinnen und Psychologen. In jedem Fall verfügen sie über eine psychosoziale Ausbildung und therapeutische Zusatzausbildungen und sind für die Arbeit mit Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen, etwa Suchterkrankungen, gut vorbereitet.

Ärzt*in für Wien: Wie betreut Grow Together seine Klientinnen und Klienten?
Kruppa: Die US-amerikanische Psychoanalytikerin und Sozialarbeiterin Selma Fraiberg nannte ihr Konzept „Kitchen Table Therapy“ – bei dieser aufsuchenden Säugling-Eltern-Psychotherapie finden die therapeutischen Gespräche im vertrauten häuslichen Umfeld der Familie statt. In Ergänzung dazu ist Grow Together ein „multimodales“ Projekt mit mehreren Säulen: Wir bieten einerseits diese „Kitchen Table Therapy“ als aufsuchende Betreuung zu Hause durch eine zentrale Kontaktperson an, andererseits Eltern-Kinder-Gruppen in unserem Grow Together Zentrum, in denen auch gruppentherapeutisch gearbeitet wird, sowie eine eigene Kindergruppe beziehungsweise einen Kindergarten, wo die Kinder nach ihrem ersten Geburtstag nach speziellen Richtlinien betreut werden, um bestehende Defizite ein Stück weit aufzufangen. Unsere Fachpraktikantinnen und -praktikanten unterstützen die Familien außerdem ganz praktisch bei der Bewältigung des Alltags.

Ärzt*in für Wien: Endet die Betreuung durch Grow Together, wenn sich die Familiensituation in eine Richtung entwickelt, dass Kinder nicht länger bei ihren Eltern bleiben können, etwa aufgrund einer instabilen Suchterkrankung?
Kruppa: Nein, wenn möglich betreuen wir die Eltern weiter. Die Entscheidung über die Fremdunterbringung eines Kindes obliegt der MA 11, der Kinder- und Jugendhilfe. Generell arbeitet Grow Together immer eng mit der Sozialarbeiterin oder dem Sozialarbeiter zusammen, der die Familie betreut. Wenn wir Gefährdungen wahrnehmen, melden wir sie, das wissen die Familien auch. Das ist keine Einschränkung des Vertrauens, weil wir von einem gemeinsamen Grundsatz ausgehen: Alle Eltern wollen, dass es ihren Kindern gutgeht.

Ärzt*in für Wien: Wie wird die Arbeit von Grow Together finanziert?
Kruppa: Die Kosten für unsere therapeutische Arbeit werden nur zu einem kleinen Teil von der ÖGK übernommen. Einen Großteil der öffentlichen Mittel erhalten wir über die MA 11, aber in vielen Bereichen arbeitet Grow Together auf Spendenbasis. Das betrifft vor allem unsere wissenschaftliche Arbeit, aber auch Urlaubsangebote für unsere Klientinnen und Klienten gemeinsam mit ihren Kindern. Ab dem zweiten oder dritten Betreuungsjahr begleiten wir die Eltern auch in Richtung beruflicher Stabilisierung, was extrem wichtig ist. Und für unseren Kindergarten mit seiner speziellen Betreuungsqualität erhalten wir nur eine Basisförderung von der MA 10 der Stadt Wien. Außerdem stelle ich mir oft die Frage – und auch das ist unter anderem eine Frage der Finanzierung – ob Grow Together nicht vermehrt psychiatrische Betreuung für die Mütter anbieten sollte, denn hier sehe ich eine Versorgungslücke im Gesundheitssystem.

Ärzt*in für Wien: Was gibt Ihnen Ihre Tätigkeit bei Grow Together?
Kruppa: Vor allem wertvolle grundlegende Einsichten: Wir werden zu dem, wie wir gesehen werden – und viele der von uns betreuten Menschen erleben viel Abwertung durch die Gesellschaft. Das sind unglaublich tapfere Menschen, die jede Unterstützung und vor allem unseren Respekt brauchen. Außerdem sind wir – im Sinne von „Social Parenting“ – alle gemeinsam dafür verantwortlich, wie es den Kindern in unserer Gesellschaft geht. Was auch immer wir für sie tun können, es ist eine Investition in die Zukunft!

Grow Together – Daten und Fakten

  • 2012 als gemeinnütziger Verein gegründet, Start der operativen Tätigkeit 2014.
  • 2017 Eröffnung des Grow Together Zentrums in Meidling, Ausweitung 2026 inklusive Eröffnung eines vereinseigenen Kindergartens.
  • Grow Together leistet derzeit monatlich rund 700 therapeutische Begleitstunden für sozial benachteiligte Familien sowie rund 250 Stunden Einzelarbeit für deren Kinder im Rahmen der Kindergruppe.
  • 32 hauptamtliche Mitarbeitende sowie zahlreiche Praktikantinnen und Praktikanten.
  • Finanzierung: Mischfinanzierung aus öffentlichen Mitteln, Stiftungen, Unternehmen sowie privaten Spenderinnen und Spendern.
  • Website: www.growtogether.at

 

Logo Wiener Ärzt:innen-Lauf

Ein Teil der Einnahmen des 1. Wiener Ärzt:innen-Laufs am 26. September 2026 wird an Grow Together gespendet. Information und Anmeldung: www.aerztinnenlauf.at 

„Grow Together arbeitet auf Beziehung und Bindung hin – denn Bindung ist einer der wirksamsten Schutzfaktoren für die Kinder.“
Ärztin lächelt in die Kamera.
Katharina Kruppa: „Grow Together versucht eine Frage zu beantworten, die sehr schwer wiegt: Wie kann ein Mensch, der als Kind nie liebevolle Zuwendung erfahren hat, einem Kind Liebe schenken?“
Foto: Jana Hofmann
 
© Ärztin für Wien | 28.08.2026 | Link: http://aerztinfuerwien.at/panorama/professionelle-unterstuetzung-fuer-sozial-benachteiligte-familien